Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1928-11-01 · Heft 11-12 (November 1928) · p. Seite 692

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
15 (1928)
Issue
Heft 11-12 (November 1928)
Date
1928-11-01
Page
Seite 692 (sequence 116)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2292929-2293057-2293064--10208-2303502
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

692 Anders als die Änderen. bodenständige, d. h. eine vom Geist des Gesetzes]udentums erfüllte große Kunst, sowie ihre Voraussetzung, die Pflege des Schönen überhaupt als eines Abglanzes der göttlichen Majestät, zur Tatsache werden. Die Gefahr, daß die Juden nicht anders bleiben oder werden als die Änderen, ist heute nicht dort, wo die Witterer sie sehen. Sie liegt gerade im Gegenteil darin, daß man das allgemeine ästhetische Manko, in welches das jüdische Volk im Laufe der letzten Jahrhunderte hineingeschliittert ist, verewigen, auf die Ungeheuern Energieen an Gottinnigkeit, die aus der Kunst Zuströmen können, verzichten will. Selbst wenn im jüdischen Volke Alles so stünde wie es stehen sollte, wenn da alle Seelen voll wären der Liebe zu Gott und der Demut vor Gott, wenn sie in ihren Beziehungen zu den Menschen niemals auf die Gebote Gottes vergessen hätten — selbst dann müßte ein neuer Weg zu ihm mit Freude begrüßt werden. Wie aber erst, wenn es um Israel, auch um das überlieferungstreue, so bestellt ist, wie es eben bestellt ist! Kann sich denn noch jemand darüber täuschen, daß das alte Jesaja-Wort wieder wahr geworden ist: בל ראש לחלי וכל ד לבב דוי Mit wenigen Ausnahmen ist die Temperatur der Seelen fast bis auf den Nullpunkt, oft auch unter ihn gesunken. Und da sollte man ein Mittel von sich weisen, das immer und immer wieder, auch in der jüdischen Geschichte, seine ungeheure religiöse Kraft bewiesen hat, und für das die heutigen Juden, trotz des augenblicklichen ästhetischen Mankos, jedenfalls eine größere Empfänglichkeit haben als je zuvor? Man sollte sich wirklich verbissen dagegen wehren, das eigene Menschentum innig und gläubig in Gottes Weltenpracht einzufügen und in heißem Erglühen für Gott Schönheit zu gestalten und dermaßen eine Leiter mehr anzulegen, die zu Gott hinauf führt, ihn und sein Gesetz mit Jubel bestätigend? — Wehe uns, wenn diese witternde Verbissenheit siegreich bleibt! Wenn wir ,,anderst“ werden, statt anders! Verantwortlicher Redakteur Dr. Wohlgemuth, Berlin Druck: Hertnott Verlag und Druckerei, Frankfurt a. M.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.