Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 688 (sequence 112)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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688 Anders als die Änderen. Hier ist ein Manko, ein richtiges, nicht ein scheinbares — wie das Fehlen von Plastik und Malerei, von Drama und Bühne, das, wie wir hörten, aus unterschiedlich gearteter Un- Zugänglichkeit dieser Künste für das Volk sich ergab, aber die Intensität seiner künstlerischen Bewegtheit nicht minderte. Man kann es nicht bestreiten: Dem jüdischen Volke fehlte von allem Anfang an gerade jene Kunstposition, die ihm ihrer Natur nach ganz besonders kongenial ist und von der man wahrlich nicht behaupten kann, daß sie wegen inneren Widerspruchs zum Thoraberuf diesem zum Opfer fiel. Der Grund ist vielmehr allem Anschein nach darin zu suchen, daß die Energien des jüdischen Volkes trotz ihres großen Ausmaßes nicht ausreichten, um außer an den Kern seiner Aufgabe noch an ein Anderes intensiv gewandt zu werden. Die in der Geschichte beispiellose Leistung, die es zu vollbringen hatte, der ungeheure tausendjährige Kampf mit dem Heidentum in seinem Innern und dann die Behauptung seines höheren Selbst in zweitausend jähriger Lebensenge brauchte alle seine Kraft auf. An dieser Unzulänglichkeit ist die jüdische Baukunst gescheitert, nicht an einem eingebildeten Gegensatz zwischen Baukunst und Judentum oder jüdischem Wesen. Und wollte vielleicht jemand einwendend fragen, warum nicht auch jüdische Dichtkunst und Musik an ihr gescheitert sind, so darf man darauf — ohne befürchten zu müssen, damit sich selbst zu widerlegen — antworten, daß Wort und Ton in den erwähnten Kämpfen und Drangsalen denn doch unmittelbarer nötig waren und ihre Beweglichkeit, Bewegtheit und bewegende Kraft den Juden denn doch praktisch näher lagen als das stumm sprechende Bauwerk. Ja, ist denn aber nicht der alte Kampf gegen das äußere Heidentum längst siegreich beendet und die Qual der Ghetto- Enge im Wesentlichsten verschwunden, ohne daß sich in der neueren Zeit die Architektur in der Judenheit durchgesetzt hätte? Warum wirkt jetzt nicht die Energie, die doch frei geworden sein muß? Nun, weil sie bald in kleinen, nichtsnutzigen Strebungen und Affären verzettelt war. Die Fort-