Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 628 (sequence 52)
- Language
- German
- Belongs to
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628 Sinn und Seele des ״Höre Israel“. tigsten Farbentöne tauchen und ein Bild entwerfen von dem tausendfachen stillen Blut und Elend, das in grausiger Gespensterhaftigkeit unheimlich und stumm von der Erde zum Himmel schreit. Ein Künstler des Meißels aber würde hingehen und ein Sinnbild formen, einen Menschen, der emporgereckt gen Himmel und doch der Erde innigst zugewandt, eine Verbindung darstellt zwischen Himmel und Erde, zwisehen Höhe und Tiefe; der den Triumph über den Schrei des Leides dadurch verkörpert, daß er ihn erhört. Doch auch ohne Künstlerschaft vermag sich jeder Jude diesen sittlichen Triumph in der Realität zu verschaffen und seiner Seele aufzuprägen — durch sein Sch’ma Jisroel. Kunst ist nur Andeutung, Erlebnis aber ist Erfüllung, Höre Israel ist Erlebnis. Das Weltall ist erfüllt von Stimmen, die freilich nur der auf sie Gestimmte hört. ״Die Himmel rühmen die Ehre Gottes“, singt der Psalmist, ״und von seiner Hände Werk kündet das Firmament. Der Tag dem Tage gibt die Kunde weiter, und die Nacht der Nacht flüstert das Erkannte zu. Ohne Sprache, ohne Worte, ohne eine Stimme zu hören . . .״I) Was weiß der Mensch, dessen Bewußtsein den Hemmnissen der Sinnenwelt unterworfen ist, von den Dingen zwischen Himmel und Erde, die seine Schulweisheit ihn nicht träumen läßt! Man hat in unserer Zeit das Radio entdeckt. Im Weltenraum, im Fluidum der Äetherwellen schweben Stimmen. Sie laufen stumm und stille ihre Bahn, niemand hört sie, aber sie sind existent. Legt man den entsprechenden Apparat an, der sie anzieht und verstärkt, dann werden sie laut und wir vernehmen sie. Ingenieure der berühmten Marconi-Gesellschaft — so las ich vor einiger Zeit — stellten durch Versuche die erstaunliche Tatsache fest, daß sie mit ihren Apparaten ein durch Rundfunk verbreitetes Musikstück auffängen konnten, sogar nachdem die Wellen bereits dreimal den Weg um die ‘) Ps. 19, 2—9.