Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 627 (sequence 51)
- Language
- German
- Belongs to
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Sinn und Seele des ״Höre Israel“. 627 Israel“ das unmittelbare Hören der Gottesstimme vom Sinai her im Äuge hat, schließt es ethisch-praktisch auch dieses indirekte Erhorchen Gottes in sich ein, will überhaupt den Menschen zu einem ethisch feinhörigen erziehen. Es gibt Stimmen und Rufe, die laut ertönen, und man überhört sie, und es gibt Stimmen und Rufe, die gar nicht erst ertönen, und man erhört sie. Der ethiklose Mensch geht an dem Schreiendsten des Lebens gehörlos vorbei, unTI der sittlich Hochstehende hört selbst das Stillste rufen und geht ihm nach. Das Stillste — das weiß er — ruft manchmal am lautesten. Oft ruft etwas, gerade je weniger es laut wird, mächtig zum Himmel, wie die Stimme des stillen Blutes Abels, den sein Bruder erschlug — wie die Bibel sich ausdrückt — zum Himmel schrie.1) Wenn keiner das stille, verschämte oder ohnmächtig im Verborgenen Rufende mehr hört, der Jude soll es hören. Das ist edelster ethischer Sinn des ״Höre Israel“. Durch die stummen Mauern harter Kerkerzellen hindurch höre die Seufzer* Israel, aus den einsamen Hütten verlassener Witwen und Waisen, von den Schmerzenslagern der Kranken und Leidenden, aus der still verhaltenen Pein Verstoßener und Entrechteter, aus den stummen Blicken Verschämter und Sorgenbeladener, von den blassen Lippen der Hungernden und Darbenden sollst du, Jude, ohne daß er erst ausgestoßen werden müßte, den Schrei des Wehs hören. Der Schrei der Leidenden ist der Schrei Gottes, der aus ihnen zu dir dringt. Wie der Psalmist Gott sprechen läßt: ״Mit ihm (dem Bedrückten) bin ich im Leide“.2) Ein Dichter müßte versuchen, jenen stillen, aber urgewaltigen Ruf zu schildern, der, von den Stumpfsinnigen ungehört, beständig durch Gottes Natur hindurch mahnend vom Himmel zur Erde dringt und im Schweigen die stärkste Sprache spricht. Ein Maler würde den Pinsel in die kräf-!) Gen. 4, 10. 2) Ps. 91, 15.