Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 625 (sequence 49)
- Language
- German
- Belongs to
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Sinn und Seele des ״Höre Israel“. 625 sehen, betasten und sonst wahrnehmen, und wenn sie selbst dies alles nicht konnten, wie Moses und David ihrer spotten, so konnte man doch sie wahrnehmen, aber hören konnte man die Götter nicht. Durch das Gotthören hat sich Israel auch von der Einzigkeit seines Gottes überzeugt. Wie Moses hervorhob: ״Hat je ein Volk die Stimme eines Gottes gehört, wie du gehört hast?“1) In dem Bekenntnis des ununterbrochenen Gott-Hörens ruht aber nicht bloß erkenntnismäßig ein Quellpunkt des jüdischen Glaubens, sondern auch eine praktisch-ethische Stärke. Schon darin, daß dieses Gott-Hören, dieser die religiöse Haitung ewig neu erzeugende Akt den Geboten der Thora eine unvergleichliche Lebendigkeit und Frische verleiht. Hört Israel täglich durch sein Sch’ma seinen Gott zu sich reden, so hört es auch täglich immer neu, was dieser Gott zu ihm redet. Jedes Gebot ist lebendige Uebertragung der einst laut gewordenen Gottesstimme an Israel. Und Moses hat dies gemeint, wenn er zur Einleitung seines Berichts vom Offenbarungsakt am Sinai ganz Israel berief und sagte: ״Höre, Israel, die Gesetze und Rechte, die ich heute vor euren Ohren rede . . .“2) und darauf die weitere These stützte: ״Nicht nur mit unseren Vorfahren hat Gott diesen Bund geschlossen, sondern mit uns, die wir hier alle noch am Leben sind.“3) Hört für uns je die Stimme vom Sinai auf, so hören für uns die lebensfüllenden Inhalte vom Sinai auf, und unser ethisches Sein schwindet dahin. Nur weil das Sch’ma eine Äufforderung zum Neuerleben, Neuerlauschen der erlebten Sinaistimnie ist, konnte sich daran unmittelbar als selbstverständliche Folge die schwerste religiös-sittliche Forderung schließen, Gott zu lieben mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Besitz. Nur das irrationale Wiedererzeugen und tiefste Nacherleben des gewaltigsten religiösen Urerlebens bietet Boden und Reali- *) Deuter. 5, 23. 2) Deuter. 5, 1. 3) Deuter. 5, 3. 4