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Jeschurun · 1928-11-01 · Heft 11-12 (November 1928) · p. Seite 591

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
15 (1928)
Issue
Heft 11-12 (November 1928)
Date
1928-11-01
Page
Seite 591 (sequence 15)
Language
German
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Sigmund Freuds Unglaubensbekenntnis. 591 Irreligiosität und Ämoralität läßt sich kaum leugnen und würde bei durchgehend religionsfreier Erziehung sicherlich noch mehr zutage treten). Kein Kunsterlebnis, kein Bildungs- und Wissenserlebnis und kein sozial-ethisches Bekenntnis kann uns die Ehrfurcht vor allem in ihren verschiedenen Schattierungen: die Ehrfurcht vor dem Unerforschlichen und Hoheitsvollen im Menschendasein, das Staunen vor dem Geheimnisvollen im Schicksalsgange so nahebringen, das verantwortungsbewußte und vom religiösen Wissen diktierte Handeln so eindringlich lehren, wie das biblische (und talmudische) Schrifttum es den Juden (und Christen), der Buddhismus den Inder lehrt. Vor allem aber haben wir von Goethe (vor dessen Lebens- Weisheit zweifellos auch Freudscher Negativismus Halt machen wird) zu lernen, daß ohne Glauben kein Wissen möglieh ist, von Goethe, für den Glauben der Abschluß alles Wissens bedeutete; eine Erkenntnis, zu der er sich einen Monat vor seinem Tode (an Boisseree am 25. Febr. 1832) bekannte: ״Wir müssen einsehen lernen, daß wir dasjenige, was wir im Einfachsten geschaut und erkannt, im Zusammengesetzten supponieren und glauben müssen. Denn das Einfache verbirgt sich im Mannigfaltigen, und da ist’s, wo bei mir der Glaube eintritt, der nicht der Anfang, sondern Ende alles Wissens ist.“ Sigmund Freud ist, wie aus unseren Darlegungen und aus seinen anderen Schriften hervorgeht, Rationalist und Naturalist: er leitet alle Leistungen der Kultur, der Kunst, Wissenschaft, Religion aus dem Animalischen, aus Sexualtrieben, aus der Libido (Lustprinzip), aus Komplexen und Verdrängungen ab. Die wahre Religion der Zukunft hat keine Geheimnisse, sie ist identisch mit der wahren Moral, d. h. mit jenen Antrieben der Affekte und des Interesses, die allein das Geistige beherrschen und befruchten. Um sich jedoch vor der Gefahr des reinen Materialismus zu retten, hat Freud selbst den Begriff des idealen ״Ueber-Ich“ geschaffen (ähnlich dem Begriff des ״Uebermenschen“ bei Nietzsche). Der Sexualtrieb wird sublimiert, in Kulturwerte

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