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Jeschurun · 1928-11-01 · Heft 11-12 (November 1928) · p. Seite 590

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
15 (1928)
Issue
Heft 11-12 (November 1928)
Date
1928-11-01
Page
Seite 590 (sequence 14)
Language
German
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590 Sigmund Freuds Unglaubensbekenntnis. Seelenlebens niemals so wirksam gemacht werden, wie die Bibel, mit ihren ahnungsreichen und ihren in unerreichbarer Fülle und Tiefe lebendiger Menschen sich darbietenden Men״׳ sehen- und Vorbildern. Man hat leicht reden von Heldenverehrung bei unserer Jugend, von Napoleontgpus und Cäsarengroße — die weiche Seele des Durchschnittskindes steht solehern Heroentgpus und -kultus weit entfernt gegenüber und gewinnt keine Seelenwärme und persönliches Verhältnis zu solchen Gipfelerscheinungen. Daß die biblische Bilderreihe anders, menschlicher, beziehungsreicher zum sensiblen Kinde spricht, weiß jeder Kundige. Daß ferner eine Morallehre der Zukunft (wie sie Freud erträumt) mit ihrer Betonung der Selbstsucht, des Interesses, des Nützlichen, des Ichtriebs und Triebverzichts leicht die Gefahr der affektiven Durchbrechung der selbstgegebenen Kulturvorschriften in sich birgt — diesen Einwand läßt schon Freud selbst seinen (fiktiven) Gegner aussprechen (in Abschnitt IX). Freud weiß auf diesen Einwand nur die Entgegnung, es käme auf die Probe an, die Zukunft müsse lehren, ob nicht eine areligiös erzogene Zukunftsgeneration auch ihre Probe im Sittlichen bestehen werde. Uns erscheint ein solches Experiment aber zu gefährlich, und wir sind nicht gewillt, bei der Erziehung unserer Jugend etwas durch Jahrtausende Erprobtes durch ein Vakuum, ein Hgpothetisches zu ersetzen. Denn wir sind der Meinung: Gefühlswerte und Gefühlsintensitäten, Erlebnisschätze und Ekstasen der Seele, wie sie die Religion ihren Bekennern sichert (und bestimmt gehören die Jugendjahre zu dem bekenntnisfreudigsten Lebensabschnitt), lassen sich überhaupt nicht ersetzen. Der Gläubige hat und erlebt sie, für den Ungläubigen gehen sie mit dem Verlust der Religion verloren. (Man erwäge: seit zehn Jahren ist Religion als Pflichtfach aus dem Unterrichtsplan der deutschen Schulen ausgeschieden; die heutigen Sechzehn- bis Zwanzigjährigen sind unsicher, skeptisch, haltlos, spielerisch, verantwortungslos in allen Lebensfragen geworden. Die Schülermord- und Selbstmordstatistik spricht hier eine erschütternde Sprache. Der Zusammenhang zwischen

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