Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 587 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Sigmund Freuds Unglaubensbekenntnis. 587 bringen, daß gerade die größten schöpferischen Leistungen der Kunst: Literatur, Musik, Baukunst, Malerei in ihrer Be- Ziehung zu Gott, im Widerstreite für oder gegen eine Gottesidee entstanden sind. (Man denke nur an das biblische Schrifttum und die durch sie erzeugten religiösen Genies, an den Buddhismus, die Faustidee, man denke an die Schöpfungen der biblischen Malerei, Musik, antike Baukunst usw.). Keine dieser Schöpfungen ist ohne die Voraussetzung des Geheimnisvollen, ohne das Streben nach einem Ewig- Idealen, einem unfaßbaren, unmechanistischen Noumenon als schöpferischer Triebkraft denkbar. Kein weltliches Ideal, sei es gesellschaftlicher, vaterländischer, ethischer Art, kann diese seelische Hingerissenheit, ja Besessenheit des Künstlers von seiner Idee: ein gottartiges Werk zu schaffen, zuwege bringen; nur den Gedanke, hinter die Außenseite der Dinge zu schauen, /lllumfassendes, Ewiggültiges zu schaffen, einem transzendenten Vollkommenheitsideale nahezukommen, erhebt den Künstler himmelwärts. Für diesen dichterischen Konzeptionsakt reicht keine Berechnung, keine mechanistische Gesetzmäßigkeit, kein noch so großer Grad der Begeisterung des Künstlers für seine künstlerische Idee aus, es setzt vielmehr eine größere Erfülltheit mit einem göttlichen Daimonion, einen Wettkampf mit der göttlichen Vollkommenheit voraus, den der Künstler, wenigstens soweit er ein Kind der bisherigen Kulturentwicklung gewesen, im Keime von der Zeit seiner religiösen Jugenderziehung in sich trägt. Mag der Künstler auch den Kinderglauben verloren haben, — er steht dennoch Zeit seines Lebens im Kampfe um ein Gottesideal, um eine intellektuelle Anschauung, diese zeichnet sein Weltbild, beschwingt seinen Trieb zur Schaffung des Vollkommenen, erregt den Erkenntnistrieb im Gelehrten zum allumfassenden Wissen, erregt die wissenschaftliche Unruhe im großen Forscher — kurz, die Religion mit ihren Gottbezogenheiten ist bestimmt die Ällanregerin gewesen, die Religion ist es stets, mit der sich die größten Geister Zeit ihres Lebens auseinandergesetzt, und die sie zu ihren Höchstleistungen befeuert