Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 586 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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586 Sigmund Freuds Ungiaubensbekenntnis. II. Zunächst sei gegen diese ganze schöne Gehirnkonstruktion summarisch vorausgeschickt, daß man mit derselben Beweiskraft und denselben suggestiven Gründen genau das Gegenteil ebenso verteidigen könnte. Schon die Thesen Freuds von der Entstehung der Religionsvorstellungen, aus dem Oedipuskomplex und der Ängstneurose haben von Wissenschaftlieber Seite lebhaften Widerspruch gefunden.*) Wir wagen ferner, hinsichtlich des Realwerts der Religionen, die Gegenbehauptung aufzustellen: Die Religion ist keine Gefahr für die Kultur, sie fördert ni cht den Schwachsinn der Menschheit, sie hat nicht abwegig auf die Kulturentwicklung gewirkt, sie ist vielmehr höchste Errungenschaft der Kulturmenschheit, sie ist fast der einzige Mutterboden aller Geistesbestrebungen und Äeußerungen der Menschheit, wie sie bisher sich entwickelt hat, gewesen! Ja, wir gehen noch weiter: Wir behaupten, daß das Erziehungswerk der Menschheit ohne die Religion, d. h. ohne eine Beziehung zu Gott, undenkbar, unhaltbar werden muß! Was zunächst die historische Vergangenheit des Entwicklungsganges der Menschheit betrifft, ist mit Leichtigkeit der Beweis zu erx) Vgl. die gegen Freuds religionswissenschaftliche Thesen erhobenen Bedenken in dem Artikel: Mythologie, Religionsgeschichte und Psychoanalyse von Professor C. Ciemen, Bonn, in dem 1. c. genannten Sammelwerke: Krisis der Psychoanalyse (p. 172 f). Prof. Clemen kommt in seinem Urteil über Freuds Erklärung des Ursprungs der meisten religiösen Vorstellungen und sittlichen Einschränkungen aus dem Totemismus und dem Vatermordkomplex nach sorgfältigen Untersuchungen zu dem Schluß: ״So erweist sich Freuds Erklärung des Totemismus, die seine Schüler unbesehen übernehmen, von allen Seiten als unhaltbar“, (p. 183)* Und Clemen schließt seine Untersuchungen mit den Worten: ״Die bisherigen Beiträge der Psychoanalyse zur Mythologie und Religionsgeschichte . . . sind zwar durch das in ihnen zusammengetragene Material und die an andern Anschauungen geübte Kritik, sowie zahlreiche Einzelbemerkungen höchst wertvoll, aber in ihren hauptsächlichen Ergebnissen fast durchweg unbefriedigend.“ (p. 195.)