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Jeschurun · 1928-11-01 · Heft 11-12 (November 1928) · p. Seite 585

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
15 (1928)
Issue
Heft 11-12 (November 1928)
Date
1928-11-01
Page
Seite 585 (sequence 9)
Language
German
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Sigmund Freuds Unglaubensbekenntnis. 585 viele intelligente Kinder, aber so wenig intelligente Erwachsene haben, da man sie systematisch dazu erzogen hat, sich ihrer Denk-׳ und Urteilskraft von frühester Jugend in den höchsten Fragen des Lebens zu begeben? Wird nicht durch solch unverstandenen Glaubensstoff der physiologische Schwachsinn der mittleren Intelligenzen geradezu gefördert? Gewöhnen sich diese Durchschnittsintelligenzen nicht das Zuendedenken, den Scharfblick, die geistige Unruhe allmählich ab, und ziehen sie sich nicht auf ein philiströses ״Ignoramus“ und ein denkträges, wissenschaftfeindliches Genießerdasein zurück? Wehe dem erwachenden Erwachsenengeschlecht, das erkannt hat, daß man es mit Märchen von Jenseits und Hölle gefüttert hat; gefährlich ein Geschlecht, das die Götterherrschaft als Götzendämmerung erkannt hat! Wie leicht wirft ein solch entgöttertes Geschlecht die Ideale der Kulturvorschriften, die man ihnen als gottgewollt gepriesen, als ,,Illusion“ beiseite, um dann nur seinen Trieben und seinem eudämonistischen Ichkultus hemmungslos zu verfallen! Dieses und anderes sind die Gefahren der Ueberbetonung des Religiösen in unserem heutigen Erziehungssystem, und das soll anders werden. Und wie soll es anders werden? Freud fordert den Primat der Vernunft in der Er- Ziehung des Kindes. Man fordere niemals und lehre es nieraals etwas, was es nicht begreifen kann, man lehre es stets nur das Nützliche, Vernunftgemäße, man wage doch endlich den Versuch einer irreligiösen Erziehung, einer Diesseitsreligion mit Abweisung aller Jenseitsforderungen! ״Er- Ziehung zur Realität“ sei das Losungswort eines kommenden Geschlechts! Davon verspricht sich Freud die Mehrung wahrer Intelligenz, die Erleuchtung durch wahre Vernunft, und — vielleicht — das Erstehen jener berühmten Ueberzahl starker Intelligenzen und Kulturgehorsamen unter den Menschen, die ohne Himmelsbelohnungen und Strafen den Schicksalsnöten und Kulturnotwendigkeiten gewachsen sein würden.

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