Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1928-11-01 · Heft 11-12 (November 1928) · p. Seite 584

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
15 (1928)
Issue
Heft 11-12 (November 1928)
Date
1928-11-01
Page
Seite 584 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2292929-2293057-2293064--10100-2303394
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

584 Sigmund Freuds Unglaubensbekenntnis. Freud geht von seiner Theorie aus, daß alle religiösen Vorstellungen auf eine Zwangsneurose zurückzuführen sind, auf eine Ängstvorstellung vor dem unheimlichen Walten der Natur und Gottheit, die später die Kulturverbote und Triebeinschränkungen, wie Nichtmorden, Nichtstehlen, Nichtehebrechen usw. geschaffen hat, Zwangsverbote, die im Interesse der Erhaltung der Wohlfahrt der menschlichen Ge- Seilschaft notwendig sind. Diese Verbote, meint Freud, sollten nun endlich ihres Zwangscharakters, ihrer religiösen Glorie und Feierlichkeit entkleidet werden; man sollte sie aller Welt als das enthüllen, was sie in Wahrheit sind: zweckhafte gesellschaftliche Funktionen und menschliche Konventionen. Sowie man die neurotisch Kranken durch psgchoanalgtische Behandlung von ihren krankhaften Erlebniseindrücken befreit, so sollte man die Menschheit auch endlich aus ihren infantilen religiösen Zwangsideen und dem ewigen Schuldgefühl befreien, das sie infolge von Verfehlungen gegen eine eingebildete göttliche Vorschrift befällt und belastet; die Menschheit sollte doch endlich ihre Wachstumsjahre erreicht haben und mit diesen kindlichen Vorstellungen von gottgewollten Abhängigkeiten aufräumen! Rationelle Geistesarbeit, wissenschaftliche Exaktheit sollte endlich an Stelle des Infantilismus Ansporn sittlichen Handelns werden, es ist für die Söhne des 20. Jahrhunderts endlich Zeit, das Joch sgmboüscher Verschleierungen der ,Kulturvorschriften abzuschütteln! Denn nicht nur beeinträchtigt die religiöse Motivierung den Wert der sittlichen Handlung, sondern der religiöse Charakter bildet geradezu eine Gefahr für die gemeinnützigen Kulturvorschriften. Es ist eine Gefahr für die J u - genderziehung und die Erwachsenen, die Hellsichtigen, sagt Freud. Unsere Kinder werden mit Heilswahrheiten, Strafandrohungen für das Diesseits und Jenseits auf frühester Erziehungssiufe vollgefüttert, Heilslehren, die sie nicht verstehen, Strafen, die sie nie und nirgends vollzogen sehen. ׳Muß das nicht zu einer Verkümmerung der Intelligenz führen? Ist es da verwunderlich, daß wir so

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.