Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1928-11-01 · Heft 11-12 (November 1928) · p. Seite 583

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
15 (1928)
Issue
Heft 11-12 (November 1928)
Date
1928-11-01
Page
Seite 583 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2292929-2293057-2293064--10099-2303393
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sigmund Freuds Unglaubensbekenntnis. 583 rein-materialistischen Weltbilde zufrieden geben kann, ist wenig begreiflich. Freud, der Psychoanalytiker, dessen System auf dem Walten des psychischen Erlebnisses aufgebaut ist, der Entdecker der Provinz des Unbewußten und der unberechenbaren, geheimnisvoll webenden Triebhandlungen — der Mann sollte eigentlich nicht zur Leugnung alles Irrationalen, Imponderablen, jenseits von Zweck und Ursache Stehenden kommen, sollte eigentlich gestehen, daß die großen geistigen Prozesse von Welt- und Menschheitsgeschichte sich gegen und über alle menschlichen Berechnungen vollziehen. Noch kein wahrhaft großer Philosoph hat sich der letzten Erkenntnis verschlossen, daß im Weltenwirken ein g e i s t iges Weltprinzip waltet; man nenne es Gott, Schöpfer, Noumenon: man nenne das System Pantheismus, Vitalismus, Spiritualismus, Panpsychismus; kein großer Denker hat sich der Ehrfurcht vor dem Geheimnis der Weltschöpfung und der Schöpfung überhaupt entzogen. Oder sollten jene Gegner Freuds recht haben, die in ihm den Nivellierer und Negierer aller spezifischen Menschenwerte und geistigen Gradunterschiede erblicken, der alles Geistige, dem Tiere qualitativ Ueberlegene im Menschen leugnet und der als Letztes, Entscheidendes das dem Tiere und Menschen Gemeinsame : die allmächtige, Triebe und Handlungen des Menschen beherrschende ,, libido“, das Lust- und Sexualprinzip, gelten läßt? Dagegen spräche allerdings das von Freud selbst geschaffene ideale ,, U e b e r - I c h “. (S. über diesen Begriff den Schluß unseres Artikels; ebenso sei hingewiesen auf den überaus instruktiven Artikel: ״Psychologie der psychoanalytischen Weltanschauung“ von H. Kunz, Basel, in dem weit angelegten Sammelwerke: Krisis der Psychoanalyse, Herausgeber: Hans Prinzhorn, Neuer Geist-Verlag, Leipzig 1928; Band I: Auswirkungen der Psychoanalyse in Wissenschaft und Leben. Auf . dieses hochbedeutsame Werk, das die erste systematische, strengwissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse darstellt, wird noch zurückzukommen sein.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.