Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 582 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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582 Sigmund Freuds Unglaubensbekenntnis. an die Seite der Materialisten der französischen Aufklärungszeit des 18. Jahrhunderts (Holbach, Lamettrie, die Enzyklopädisten) und die Sensualisten des 19. Jahrhunderts (Büchner, Vogt, Moleschott) — eine Anschauung, die bei Freud, dem Vertreter und Entdecker der Bezirke des Unbewußten, des übermächtig Spontanen im Psychologischen, vom Affekt Beherrschten, einigermaßen überrascht. Diese von Freud entworfene Verstandeskonstruktion stellt gar zu sehr das Bewußte, Beabsichtigte, Zweckvolle der Tlulturverordnungen in den Vordergrund und läßt keinerlei Spielraum für das Irrationale, Intuitive, schöpferisch Gewordene. Es liegen, so sei vorweg bemerkt, dem Religiösen doch tiefere Werte und Wahrheiten zu Grunde, die das wache Bewußtsein nicht ״begreifen“ kann. Die Unbeweisbarkeit der religiösen Lehren, dies wissen wir seit Kant, ist noch lange kein Beweis für deren Vernunftswidrigkeit oder gar deren Wahncharakter (״Wahnideen“ nennt sie Freud S. 45 und S. 50). Freud ist von der Unübertrefflichkeit und Unfehlbarkeit der Wissenschaft ten und der Vernunftsherrschaft überzeugt: er hätte aus der Geschichte der französischen und anderer Revolutionen er-- sehen können, daß die Herrschaft der alleinseligmachenden Vernunft nicht zum Heile der Menschheit ausgeschlagen ist; er könnte aus der Geschichte der Geisteswissenschaften erkennen, daß die Erkenntnisse der Wissenschaft, (die beileibe keine Illusion ist, s. S. 89 f), der Philosophie, Physik, Biologie, fast mit jedem neuen Jahrhundert gewechselt haben und ihres Unfehlbarkeitswertes entkleidet worden sind. Man könnte es begreifen, daß ein exakter Naturwissenschaftler in konsequenter Durchführung seines Systems alle Wirklichkeit auf rein körperlich-mechanistische Kraftursachen und materielle Substanzen zurückführt und jede intelligible Welt als nicht durchschaubar und nicht vorhanden ab lehnt, ja, daß er jedes freischöpferische, spontane Walten eines Geistigen im Menschen leugnet, jede geistige Funktion auf die Bewegung kleinster Massenteilchen (des Gehirns) zurückführt. Wie aber ein Psychologe, ein Psychoanalytiker, sich mit einem solchen