Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 580 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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580 Sigmund Freuds Unglaubensbekenntnis. obachtung der Kulturnotwendigkeiten erziehen und aufklärend wirken sollen. (Freud schwebt also ein aristokratisches Staatenideal vor). Höchstes und letztes Kulturideal würde dann der Zustand sein, daß die kulturfreundlichen Führernaturen in der Mehrheit sind, die feindlichen zur Minderheit herabgedrückt werden. Freud kann zum Schluß seines Einleitungskapitels den Zweifel nicht unterdrücken, ob es je gelingen würde, die Mehrzahl der Menschheit zu diesem Hochstand der Kultureinsicht und des freiwilligen Gehorsams emporzuzüchten und ob das Menschengeschlecht jemals gewisser Zwangsmittel, physischer oder geistig-religiöser Art, wird entraten können. Diesen paradiesischen Weltzustand (wir Gläubigen würden sagen: das Reich Gottes auf Erden) wagt Freud selbst, der als Evolutionsgläubiger auf die immer vollkommener werdenden Kulturzustände und Fortschritte der Menschheit schwört, fürs erste auch nicht zu erhoffen. Diesen skeptischen Standpunkt Freuds gegenüber dem Kulturfortschritt festzuhalten, ist für unsere folgenden Ausführungen wichtig. Diese allgemeinen Vorbemerkungen bilden jedoch nur den Auftakt zu dem Frontalangriff, den Freud jetzt (Abschnitt 5) gegen die Illusionen der Kultur, insbesondere gegen die Illusion der religiösen Vorstellungen (denn auch diese gehören nach Freud zu den Errungenschaften der Kultur) unternimmt. Freud beginnt mit der Frage: Worin liegt der besondere Wert der religiösen Vorstellungen? Die Religion ist für Freud eine Zweckerfindung der Menschen, beabsichtigt 1. als wirksames Schreckmittel für die kulturfeindliehe Minderheit unter den Menschen, die sich sonst, ohne die religiösen Verbote und Zwangsmittel, gegen die von der Kultur geforderten Triebeinschränkungen auilehnen und ihre Verbote durchbrechen würden, 2. die religiösen Vorstellungen dienen zürn Äbwehrkampfe gegen die Einflüsse der Naturgewalten, denen wir anders nicht beikommen können (Gewalten der Elemente; die ewigen Feinde des Menschen: Tod, Krankheit, Alter usw.j. Der Mensch macht diese Gewalten, Elemente, Gestirne zu Göttern oder unterstellt sie einem Zen-