Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1928-11-01 · Heft 11-12 (November 1928) · p. Seite 579

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
15 (1928)
Issue
Heft 11-12 (November 1928)
Date
1928-11-01
Page
Seite 579 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2292929-2293057-2293064--10095-2303389
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sigmund Freuds Unglaubensbekenntnis. 579 Es soll nämlich nicht nur die Entbehrlichkeit, sondern sogar die Verderblichkeit jeder tradierten Religionsform nachgewiesen werden. I. Die Schrift zerfällt in einen theoretischen und einen praktischen Teil. Im theoretischen Teil beschäftigt sich Freud mit den physiologischen und psychologischen Grundlagen der heutigen Kultur, den Voraussetzungen und Bedingungen, die zu ihrer heutigen Gestalt geführt haben. Kultur umfaßt nach Freuds einleitenden Darstellungen zwei Richtungen: Kultur umfaßt 1. all das Wissen und all die physischen und psychisehen Fertigkeiten, die die Menschen von ihrem Urständ des Kannibalentums bis auf den heutigen Gebildetenzustand erworben und ausgebildet haben (sie umfaßt also auch die Zivilisation). 2. bedeutet Kultur die Lehre und das Mittel zur Bezwingung des eigenen Trieblebens und zur Verhütung eines Rückfalls in den Urständ des Kannibalentums. Kultur bedeutet demnach stets einen Zwang und Trieb verzieht, mit Rücksicht auf den Mitmenschen und die menschliche Ge- Seilschaft; sie bedrückt also mehr als sie befreit. Darum werden die kulturfeindlichen Elemente stets in der Mehrheit bleiben und dem sittlichen Ideal einer Kulturgemeinschaft sich feindlich gegenüberstellen (Seite 7/8). Dieser kulturfeindlichen Mehrheitsmasse kann nur mit Macht und Zwangsmitteln begegnet werden, denn die Masse bleibt den Vernunftserwägungen der wenigen Geistigen gegenüber unbelehrbar, bleibt asozial, zügellos, triebergeben, arbeitsunlustig. Nur durch den maßgeblichen Einfluß vorbildlicher Führerpersönlichkeiten, die mit den nötigen Machtmitteln ausgestattet werden müssen, kann es gelingen, den antikulturellen Einfluß der Mehrheitsmasse herabzumindern und sie zum Gehorsam und zur Wahrung der kulturellen Einrichtungen der kultivierten Minderheit zu zwingen. Aufgabe des Staates und der Gesellschaft muß es sein, für eine möglichst große Anzahl überlegener, unbeirrbarer Führer Sorge zu tragen, die die jeweilige Generation zur Be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.