Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 578 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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578 Sigmund Freuds Unglaubensbekenntnis. tische, tendenziöse, partienweise mit subjektiver Heftigkeit geschriebene Ängriffsschrift auf alle positiven Religionen heraus, ohne an deren Stelle eine eigene weltanschauliche Theorie zu setzen. Die schroffe Ablehnung jeder positiven Religion, dies sei vorweg gesagt, geschieht nicht etwa auf Grund erkenntnistheoretischer Erwägungen, sondern die Verneinung aller Religionen erfolgt mehr aus opportunistisch-materialistischen Rücksichten. Seine Lebensarbeit überschauend, versucht Freud seinen betörten Zeitgenossen ihre liebsten Illusionen, die Illusion der Religion zu zerstören, die Axt anzulegen an die Wurzeln des jahrtausendealten Glaubensbaumes der Menschheit. Billige Entrüstung über ein solches Unterfangen kann hier wenig helfen, ist auch gegenüber einem Gelehrten vom Range Freuds wenig am Platze. Hier kann nur gerechte, würdige Kritik uns fördern: ein Gebot der Selbstbehauptung und Selbstwehr. Sigmund Freud versucht in dieser Schrift nach dem Muster Spenglers (״Der Untergang des Abendlandes“) aus dem Ablauf der bisherigen Kulturgeschichte Zukunft und Schicksal der Religionen vorauszusagen, d. h. er versucht, durch die Betrachtung der allmählichen Werdung und Gestaltung unserer heutigen Kultur die Gestaltung der Zukunft aller positiven Religionen zu deuten. Es ist nun immer Schicksal der Propheten gewesen, daß sie von ihren Zeitgenossen entweder mißverstanden oder mit herbster Kritik behandelt wurden; es wird daher auch uns nicht verdacht werden dürfen, wenn wir ohne Rücksicht auf die große Bedeutung und Stellung des Verfassers als Schöpfer der psychoanalytischen Forschungsmethode die Betrachtungen und Deduktionen dieser Schrift einer Kritik unterziehen. Denn wir dürfen zu dieser Schrift nicht schweigen, schon wegen des hohen Ansehens, das Freud in den weitesten Kreisen der jüdischen Oeffentlichkeit genießt. Unternimmt es doch Freud in dieser Schrift nicht mehr und nicht weniger als der jüdischen Religion, aber auch jeder traditionellen Religion den Todesstoß zu geben.