Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1928)
- Date
- 1928-09-01
- Page
- Seite 497 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein Mussarleben in der Gegenwart 497 auf. Bezeichnend wie so einer sich die Strafen im Jenseits vorstellt: Unter dem Bilde eines Krankenhauses, in dem die nötige Behandlung, eventuell auch eine Operation vorgenommen wird zur Heilung des eingelieferten seelisch Kranken, damit er genese und zur Vollkommenheit eingehen kann. So ist seine עבודה sein Fühlen mit und seine Hingabe an Gott. All die Beziehungen, die das Thoragesetz zwischen Gott und dem Menschen geschaffen, werden von ihm vergeistigt und verlebendigt. Hier lodert die Liebe, die stärker ist als der Tod, die Flamme des Göttlichen. Im Beten, im Feiern, in Freud und Leid erschließt sich uns die Erhabenheit eines ursprünglich religiösen Empfindens. Aber die Krönung: sein Wollen! die Betätigung in גמילות חסדים dies Wort freilich im umfassenden Sinne genommen. Die Energie des Willens, sie findet für den Mussarnik ihre rechte Anwendung eigentlich nur im Ethischen, selbstverständlich im jüdisch-religiös Ethischen. Er würde sich nicht genug wundern über den — trotz der Bedeutung des Urhebers törichten — Satz: das Moralische versteht sich von selbst. Was sich für ihn von selbst versteht, ist trotz der Mühe, die darauf verwandt werden muß, das Rituelle. Aber das Ethische, die Regelung des Verhältnisses zum Mitmenschen, das erfordert für ihn einen steten Kampf. Denn es geht ja für ihn hier nicht um die groben Formen der Verletzung des Menschenrechts. Wie andrerseits im Positiven nicht nur die primitiven Formen der Liebestaten in Betracht kommen: Wohltätigkeit, Krankenbesuch, Tröstung der Trauernden, Fürsorge für die Leidenden. Bis ins feinste Detail hat er hier alle Möglichkeiten, die den Nächsten verletzen könnten, durchdacht, über das Maß des Gewöhnlichen sucht er dem Genossen mit Aufopferung des eigenen Selbst zu dienen. Das Michawort ואהבת חסד die Liebe zur Liebestat ist sein Leitstern. Wir scheiden gewöhnlich die Sphäre des Rechts von der der Liebe. Es bleibt für die Beurteilung des gottgewollten Verhaltens zum Mitmenschen auch wohl kein anderer Weg. Erst gilt es jede Tat und jedes Wort zu vermeiden, durch