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Jeschurun · 1928-09-01 · Heft 9-10 (September 1928) · p. Seite 496

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
15 (1928)
Issue
Heft 9-10 (September 1928)
Date
1928-09-01
Page
Seite 496 (sequence 24)
Language
German
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496 Ein Mussarleben in der Gegenwart giösen Empfindens, wie sie in der Menschheit im allgemeinen Platz gegriffen, wird so recht klar an der Gleichgültigkeit, mit der wir das Leid der Menschheit aufnehmen, an der Be׳- dürfnislosigkeit, es mit dem Glauben an einen gerechten Gott in Einklang zu bringen. Es ist schon mehrfach hervorgehoben worden, daß das Erdbeben von Lissabon Jahrzehnte in der Mitwelt nachzitterte und alle führenden Geister auf den Plan rief, die sich mit diesem Ereignis auf Grund ihrer religiösen Einstellung auseinanderzusetzen suchten, das Erdbeben von Messina aber, das viermal soviel Opfer forderte, kaum Wochen die Gemüter erregte und keinen Versuch zeitigte, dem hier aufgegebenen Problem auf den Grund zu gehen. Anders der Mussarnik. Er ist eben der Gottes d i e n e r , der den Schild seines Herrn rein wissen will von jedem Flecken. Auch er findet keine Antwort, die dem Menschen ja vertagt ist. Ist es doch eines der tiefsten Worte des Midrasch, daß der größte Gottesdiener, Moscheh, alle Tore des Wissens durchschritt, daß ihm alles, auch die höchsten und letzten Dinge von Gott und Welt offenbar waren und nur das fünfzigste Tor ihm verschlossen blieb, die Pforte, die zu der Antwort auf diese Frage führt. Auch der Mussarnik weiß, daß er keine letzte Antwort auf den gesamten Fragenkomplex geben kann. Aber ergreifend und oft erschütternd ist es, wie tief er unter der Ohnmacht des menschlichen Fassungsvermögens leidet, wie er im Einzelnen sich um Antworten müht, wie er ringt und ringt, um מצדיק את הדין zu sein, nicht für seine Person und sein eigenes Schicksal, hier empfindet er keine Diskrepanz zwischen Schuld und Sühne, aber für die ahderen. Das ist oft so schwer, so unendlich schwer. Denn er begnügt sich nicht mit dem billigen Ausweg, wahrscheinlieh hat der andere diese Strafe verdient. Die Schuld des anderen scheint ihm immer klein und das Maß der Strafe unbegreiflich groß. Und da sucht er die Gedanken des Schöpfers nachzudenken und wahrlich oft genug gelingt es ihm, den Ällgerechten als den Ällgütigen zu erweisen. Ein Diener Gottes mit dem Herzen zeigt er überhaupt überall die Güte

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