Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1928)
- Date
- 1928-09-01
- Page
- Seite 495 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein Mussarleben in der Gegenwart 495 er ist zum Gottesdiener bestellt. So ist auf Kampf sein ganzes Wesen gestellt, der darum nicht weniger aufreibend ist, weil er nicht gegen die brutalen Gewalten der Außenwelt ausgefochten wird. Die inneren Seelenkämpfe, sie schlagen nicht geringere Wunden, sie üben ihre zerstörende Wirkung auch auf den Körper aus. Wir sprachen schon davon, daß solch ein Mussarnik in seinem Denken all den Problemen auf den Grund zu gehen sucht. Aber ein anderes ist das Theoretisieren, ein anderes die praktische Anwendung. Vor allem das Problem aller religiösen Probleme die Frage nach der göttlichen Gerechtigkeit. Man darf sagen, der Maßstab aller echten Religiösität ist der Grad, in dem das Problem der Theodicee den Menschen beschäftigt. Und hier nicht so sehr für das eigene Schicksal, sondern für die Tragik der Erlebnisse der anderen. Wir sind gewöhnt, Moscheh und die Propheten, Die Sänger der Psalmen und die Lehrer der Weisheitsbücher als die religiösen Heroen anzusehen, denen die großen Männer der Folgezeit nicht nahe kommen. Es ist nicht zufällig, daß gerade sie eigentlich nur ein einziges religiöses Problem kennen, dies aber mit der ganzen Glut ihrer Seele erfassen. Aus den Tiefen ihres aufgewühlten Inneren rufen sie zu Gott ihr Warum. Warum ist der Weg der Frevler vom Glücke begünstigt, warum siehst Du, o Gott, ruhig zu, wenn der Böse den Gerechten verschlingt, warum die Fülle der Leiden des Frommen, warum nimmt das Elend und die Trauer Deines erstgeborenen Sohnes, Deines Volkes Israel kein Ende, das doch wahrlich das Doppelte bereits empfangen hat für all seine Sünden, warum zögert der Schritt dessen, der die Erlösung verkünden soll, warum wird das Gottesreich auf Erden noch immer nicht gegründet? Redensartlich erscheint dem, der diesen Fragen mit Ernst entgegentritt, was wir an Beruhigung entgegenhalten, was wir an Psalmen und Prophetenworten sprechen. Es bewegt uns vielleicht an der Oberfläche des Bewußtseins, es rührt aber nicht an unser Innerstes, an unser Letztes. Die ganze Veräußerlichung der Religion, der erschreckende Mangel reli-