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Jeschurun · 1928-09-01 · Heft 9-10 (September 1928) · p. Seite 494

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
15 (1928)
Issue
Heft 9-10 (September 1928)
Date
1928-09-01
Page
Seite 494 (sequence 22)
Language
German
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494 Hin Mussarleben in der Gegenwart Du dir von den Lippen geht, seelenlos und darum schier verbrecherisch, wenn nicht die Gewohnheit und das gleiche Treiben deiner Umgebung dich entschuldigte. Sieh auf den Mussarnik und sein Mühen, sich des Abstandes von der Gottheit bewußt zu werden und du wirst verstehen, was Beten heißt. Sieh, wie die Seelenstimmung sich auf seinem Gesichte malt, wenn er Gott lobt, wenn er dankt, wenn er bittet. Hier wird das Gebet nach des Kusari Wort wirklich zu einem Läuterungsprozeß, der all die Schlacken, die das irdisch-menschliche im Laufe der Stunden abgesetzt aus der Seele schafft, daß sie in Reine dem Göttlichen entgegentreten darf. Daß du aber nicht wähnst, es handle sich hier um weitentrückte Askese. Freude ist der Grundzug des Betenden, Freude aber vor allem am Sabbat und den Festen. Wie wir das altjüdische Trauern verlernt, so verstehen wir auch nicht mehr, uns zu jener Festesfreude emporzuschwingen, die den Menschen ein Vorbild und Gott ein Wohlgefallen. Der Mussarnik kann es dich wieder lehren. Sein Frohsinn ist weit entfernt von der im allgemeinen recht ekstatischen Feier, wie sie im Chassidismus vorherrscht, die sich auch gelegentlich des Anreizes berauschender Getränke bedient, nicht minder von der geruhsamen Art, die sich am reichlichen Mahle und den Pflichtgesängen genügt. Hier feiert die Seele in bebendem Jubel, erfinderisch weiß sie der ,שמחה של מצוד immer neue Seiten abzugewinnen. Vor Eingang des Sabbat oft tief bedrückt, von schwerstem Leide heimgesucht, geht mit dem Mussarnik urplötzlich eine unbegreifliche Wandlung vor sich. Er hat seine Persönlichkeit ausgetauscht, er trägt nicht etwa eine Maske, ein in Wirklichkeit anderes Wesen sitzt vor uns, und die Sicherheit seines geheiligten Frohsinns vermag seine Umgebung, selbst wenn sie von einem schweren Schlage getroffen ist, in die Sphäre seiner freudigen Bejahung des von Gott Gewollten empor zu heben. Er hat es nicht leicht und macht sich’s nicht leicht. Auch für ihn kommen Stunden, in denen er zusammenzubrechen droht. Aber ״Heeresdienst hat der Mensch auf Erden“ und

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