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Jeschurun · 1928-09-01 · Heft 9-10 (September 1928) · p. Seite 492

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
15 (1928)
Issue
Heft 9-10 (September 1928)
Date
1928-09-01
Page
Seite 492 (sequence 20)
Language
German
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492 Ein Mussarleben in der Gegenwart genheit tragen, zieht den Hörer immer mehr in seinen Bann. Denn gerade das ist seine Stärke. Er besteht nicht rechthaberisch auf seinem Meinen. Er sucht im Gespräch mit den anderen die Wahrheit zu finden. Und eben dieses Suchen dünkt ihm höchster Lohn. Willig stimmt er dem Satze Lessings zu, den er einmal von einem Bekannten gehört: Wenn Gott in seiner Rechten die Wahrheit hätte und in seiner Linken das Streben nach Wahrheit mit der Gefahr zu irren, ich würde sagen: die Wahrheit ist nur für Dich, o Gott, gib mir aus der Linken. Und noch ein anderes schafft ihm den Erfolg. Die stete Arbeit an dem eigenen Selbst, auf die wir noch zu reden kommen, die subtile Beobachtung seiner inneren Regungen erweitert seine Seelenkunde. Er ist ein Psychologe von hohen Graden. Einem jeden, wer immer nur empfänglich ist für Gedanken über den letzten Sinn des Lebens, über unsere Bestimmung als Juden, über Wesen und Bedeutung der Thora, ihrer Gebote und ihrer Lehren — einem jeden weiß er sich anzupassen, er spricht mit ihm in seiner Sprache, er weiß den Ausgangspunkt zu treffen, von dem aus er mit dem Andersdenkenden sich zu begegnen hoffen darf. Ja, man kann sagen, er dosiert, — die Theorie Maimonides’ in die Wirklichkeit umsetzend, — die Lehre oft. Nie wird er der Wahrheit Gewalt antun. Aber als ערום ביראה dort, wo es um das Höchste geht, um die Anerkennung Gottes und Seiner Lehre, weiß er die Worte zu wägen und einem jeden nach seiner Empfänglichkeit und seiner Auffassungsgabe das zu sagen, was gerade ihm vonnöten ist und ihn befriedigt. So geht er wie die Weisen aus alten Tagen still seines Weges. Nicht auf den Gassen läßt er seine Stimme vernehmen, aber weil der Geist Gottes auf ihm ruht, darum öffnet er den Verblendeten die Augen und weiß die Gefesselten zu befreien. Dieser ״Geist Gottes“ ist, das muß noch einmal gesagt werden, nicht ein in ekstatischen Aufwallungen erzwungener mgstischer Begeisterungstaumel, sondern, wie es bei dem erwarte-

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