Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1928-09-01 · Heft 9-10 (September 1928) · p. Seite 491

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
15 (1928)
Issue
Heft 9-10 (September 1928)
Date
1928-09-01
Page
Seite 491 (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2292929-2293057-2293063--10006-2303299
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ein Mussarleben in der Gegenwart 491 steht und was unsere Weisen sagen. אמונת חכמים, treu steht er zu unseren Weisen, zu ihrer einzigartigen Größe, und die Wahrheit dessen, was von ihnen berichtet wird und was *יי־ ’ sie an Gedanken ausgesprochen, ist das Fundament seines Glaubens. Er hat es nicht leicht und macht sich’s nicht leicht. Er kennt keine Zweiseelentheorie, bei ihm darf sich die eine Seele nicht von der anderen trennen. Ganz will er sein, wie ihm Gottes Lehre ein Ganzes ist. Er sucht sich auch nicht in einen mystischen Nebel zu retten. Wahr will er sein, wie das Siegel seines Gottes die Wahrheit ist. Und da sinnt und trachtet er denn Tag und Nacht oft über einen einzigen Ausspruch, bis es ihm gelungen ist, eine Lösung zu finden oder den eigenartigen Ausspruch und die seltsame Erzählung als Hülle eines tieferen Gedankens zu erkennen. Denn er ist ein Philosoph und ob er auch nicht die Terminologie der Neueren braucht und in keines der vielen Systeme eingedrungen. Er tritt an die Probleme heran unverbildet und unbeeinflußt von all dem, was dem Gebildeten der Moderne angelesen. Sein schlichtes, mit Zielsicherheit den einen Punkt verfolgendes Denken, sein rastloses Suchen nach der Wahrheit wirkt sich so auch ohne fachwissenschaftliche Schulung schöpferisch aus und das Ergebnis, in intuitivem Schauen philosophischer Erkenntnisse sich mit Gedanken großer Weltweisen begegnend, überrascht oft genug den Kundigen. Und darum wirbt er auch für seine Art der Weltauffassung. Wirbt, nicht aggressiv oder auch nur irgendwie in die Oeffentlichkeit tretend. Nicht einmal dem kleinen, ihm nahestehenden Kreise drängt er seine Wahrheiten auf. Aber wer immer nur ins Gespräch mit ihm kommt, und das Gespräch — das ist eben seine Gabe — mündet immer aus in das Höchste, das Göttliche, den überkommt bald die Ahnung: hier geht es nicht auf ausgefahrenem Geleise, hier ist ein Neues, ein Selbstgedachtes. Man kann ihm widersprechen, man lehnt es ab, aber der Reiz des ehrlichen Erkenntnisstrebens, mag das Resultat auch alle Mängel subjektiver Befan-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.