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Jeschurun · 1928-09-01 · Heft 9-10 (September 1928) · p. Seite 490

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
15 (1928)
Issue
Heft 9-10 (September 1928)
Date
1928-09-01
Page
Seite 490 (sequence 18)
Language
German
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490 Ein Mussarleben in der Gegenwart sinn den eigenen Geist zu schärfen, ein ״Neues“ zu erfassen und in Rede und Gegenrede ״ein Neues“ zu schaffen. Kein müßiges Spiel dialektischer Uebungen, eine halachische Fest-׳ Stellung soll sich, wenn irgendwie möglich, daraus ergeben. Darum ist er ein abgesagter Feind eines gewagten und spitzfindigen Äufbaus; auf die Gradheit, die Ganzheit, die Fehlerlosigkeit, die Vollkommenheit der Lehren des Ewigen ist er bedacht. Wahr, wie er selbst, soll auch das gewonnene Ergebnis sein, wahr, weil gewonnen aus schlichtem und redlichem Denken. Wird eine solche Frage aufgeworfen, so ruht er nicht, bis er eine Lösung gefunden, die ihn befriedigt. Er wacht auf seinem Lager, der Schlummer flieht sein Äuge, er geht auf dem Wege und mit ihm wandeln seine Gedanken und umkreisen den einen Punkt, er sitzt am Tische und beim Mahle läßt es ihn nicht los. Dann aber der stille Jubel, wenn es ihm gelungen, das Antlitz verklärt, ein Abglanz der Freude, die sein Inneres bewegt. Das Psalmenwort: die Lehre des Ewigen in ihrer Gradheit und Vollendung erquickt das Gemüt, der Anblick seines Angesichts zeigt, wie an den Getreuen der Lehre dies Wort sich verwirklicht. Ihr meint, daß er nur in ״den vier Ellen der Halacha“ sich bewegt? Ihr blickt vielleicht auf ihn herab, weil er nur einseitig denkt und handelt. Ihr irrt! Mehr vielleicht beschäftigen ihn die Probleme, die die Lehre Gottes in den geschiehtliehen Schilderungen, den prophetischen Reden, den Liedern der Sänger, den Sentenzen der Weisheitsbücher in der Bibel jedem denkenden und tiefer schürfenden Leser aufgeben. Mehr noch die agadischen Darstellungen und Aussprüche in Talmud und Midrasch, die mit rationalem Denken oft scheinbar nicht zu erfassen sind. Er weiß, daß alles rituelle, ja alles ethischreligiöse Handeln in der Luft schwebt, wenn es nicht aus einer alles umfassenden Weltanschauung fließt. Die Zeugnisaussagen von Gott müssen sich bewähren. Und in Gott beschlossen und auf Gott bezogen ist für ihn ja alles, was in der Bibel

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