Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1928)
- Date
- 1928-09-01
- Page
- Seite 489 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Ein Mussarleben in der Gegenwart 489 haus und hören die Predigt, weil es ihnen ein stimmungsvoller Ohrenschmaus ist, sie kennen zumeist die nackte Nüchternheit des Lebens nicht, die ungeheure Versuchung, die entsetzlichen Nöte des Golus-Daseins, wo man die Feuerprobe seiner Re־׳ ligion ablegen muß. Sie sind nach Schiller gerecht, weil sie glücklich sind, sie sind liebevoll, weil sie reich genug sind. Die thoratreuen Juden haben, wie schon gesagt, die Probe abgelegt. Als alle Kräfte der Welt sich verschworen, sie zu demoralisieren, als ihnen Licht und Luft genommen, ihre Ehre aberkannt war, als die Sünde mit lockender Macht von allen Seiten sie umgab, haben sie die Reinheit und Geistesfreiheit und sittliche Würde unseres Volkes immer wieder neu bewährt, weil sie ihre Kraft zogen aus der im Schulchan Äruch kodifizierten, im Talmud geistig erarbeiteten, vom Prophetenwort durchleuchteten Sinaireligion• Die damals aufgespeicherte seelische Kraft, sie ist heute noch nicht erloschen, und im Herzen eines liberalen Enkels glühen noch die Funken von dem heiligen Feuer, das die Ahnen angezündet. So leuchten die Sterne noch jahrelang am Himmel, selbst wenn sie längst erloschen sind. Daher kennen die Menschen sich nicht selbst, weil sie als ihre Leistungen betrachten, was glückliches Erbe vergangener Generationen ist. Nur jene Wahrheitsliebe, die den Menschen nackt vor den Spiegel der Wahrheit stellt, die allein wird jene Demut erzeugen, die den individuellen Dünkel, den Trotz des Selbst zerschmelzen läßt in dem Bekenntnis: Mosche ist wahr, und seine Thora ist wahr! Ein Mussarleben in der Gegenwart. Zum Gedächtnis von R. Ahron Zelasni זצ״ל• Das Thorastudium im Zentrum seiner geistigen Betätigung, alles andere an der Peripherie. Er ״lernt“ nicht nur selbst, wo immer er nur eine freie Minute erübrigen kann. Er sucht auch die Gelegenheit, wo immer nur ein Großer des Talmuds in seinen Gesichtskreis tritt, sich ihm zu nähern, an seinem Scharf- 2