Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1928)
- Date
- 1928-09-01
- Page
- Seite 486 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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486 Das Maximum der Religion noch, von vergessener sozialer Gesinnung zu reden. Äuf der anderen Seite sage ich, wenn Claude Montefiore wirklich meint, daß das, was göttlich ist, (will sagen, was selbst nach seiner zufälligen Tagesansicht ihm als göttlich, erscheint), auch volle Gültigkeit hat, so vermisse ich auf dieser Tagung die Forderung auf die wirkliche uneingeschränkte, restlose Durchführung solcher ethischen Forderungen des Judentums. Um eine Bagatelle herauszugreifen: Die Weisen haben angeordnet, daß bei Begräbnissen jeder Prunk, jede Standesungleichheit aufhören solle, wie Jean Paul es scherzhaft ausdrückt, ״wenn wir verschieden sind, dann sind wir nicht verschieden“. Vor der Majestät des Todes verstecke sich die Eitelkeit und der Flitterkram des Menschen. Ist das eine ethische Forderung? Warum wird sie nicht erhoben und durchgeführt? Wo war Euer soziales Gewissen, als Ihr in Euren Logen dem Armen, dem Ungebildeten die Tore versperrtet, wo Euer soziales Gewissen und das Bewußtsein von der Einheit des Menschengeschlechtes? Wo sind die Forderungen, die gegen die Uebergriffe des Kapitalismus, von denen die Prophetenbücher widerhallen, entschieden Stellung nehmen, wo eine Anwendung des Zinsverbotes, soweit es dient, ״dem Bruder, weil er wankt, beizuspringen?“ Und wenn die individuellen Rechte im Liberalismus so betont werden, wenn er selbst der Frau das Recht, die Kanzel zu besteigen, einräumt, warum führt er die Rechte nicht durch, die nach jüdischer Lehre jedes jüdische Mädchen an ihre Gemeinde hat, nämlich versorgt zu werden, daß die Gemeinden verpflichtet sind, ihre Synagogen zu verkaufen, um ein armes Waisenkind oder ein unversorgtes Mädchen ihrem Lebensglücke zuzuführen? Den Orthodoxen wird der Gehorsam gegen das Gesetz doch leider etwas schwerer, als Baeck denkt, und infolgedessen versagen sie in vielen Punkten. Sie sind auch nicht selbst Botschaft ihrer Idee und Apostel ihrer Religion, sie können sich nicht rühmen, alle Tage Gott sein Gesetz zu entreißen, aber sie wissen dafür auch, daß sie nur ein Minimum der Religion betätigen. Sich haben sie