Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1928)
- Date
- 1928-09-01
- Page
- Seite 485 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2292929-2293057-2293063--10000-2303293- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das Maximum der Religion 485 ״atmosphärischen Wirklichkeit des Judentums“ umgeben, mit leichter Grazie bei Seite schiebt, man eine große religiöse Tat vollführt, mag immerhin bei ״dem othodoxen Juden die Askese größer sein.“ Wie fein diese Prägung von der Askese! In diesem Wort hat man alle Gebote der Schamhaftigkeit und Keuschheit, der Selbstzucht und der Disziplin, der Willensbändigung unter das Gebot des Absoluten abgetan als ein der Religion Fremdes, als ob nicht selbst in der allermodernsten Moderne die Jugend und das Älter nur in einer gewissen Askese ihre Selbsterneuerung, ihre sittliche Wiedergeburt, die Erinnerung ihrer inneren und äußeren Freiheit erkannt hätten! Gar noch die Ungeheuerlichkeiten Lehmanns von der neuentdeckten, über Werkheiligkeit obsiegenden sozialen Gesinnung! Daß viele begüterte liberale Juden sich durch Stiftungen und Unterstützungen von Wohlfahrtsinstitutionen verdient gemacht, wer wollte das bestreiten! Hier handelt es sich jedoch um die soziale Gesinnung, die sich in der persönlichen Betätigung im Gemilus Chessed kundgibt. Welche Kämpfe hat es seinerzeit in Berlin gekostet, bis eine Chewra Kadischa sich hat bilden können, weil man den Liebesdienst an den Toten bezahlten Kräften überlassen hat und in allen liberalen Gemeinden noch heute überläßt. Zeigt uns die Häuser der Liberalen, in denen die Armen noch Hausgenossen sind, jeder Fremde, vom Wege Beschmutzte wie ein Bruder empfangen wird, wo sich zu den Festlichkeitsmahlen der Dürftige ungeladen einfinden dürfte. Wir möchten behaupten, daß wenu man von dem Ghetto-Judentum nichts wüßte, als was es durch die Jahrhunderte hindurch bei den ewigen Judenvertreibungen unter den kümmerlichsten wirtschaftlichen Verhältnissen an Zedokoh und Gemilus Chesed geleistet hat, so hätte damit das Ghetto-Judentum, ״das es so leicht hatte“, seinen sittliehen Ädelsanspruch bereits bewiesen. Von den größten ״Fanatikern“, von einem Hirsch Jannow, der die Bibelübersetzung Mendelsohns verbrennen ließ, lese man bei Graetz nach, wie an seinem Tische täglich Hunderte Ärmer speisten, wie sein Haus eine Hochburg der Liebestätigkeit war, und wage dann