Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1928)
- Date
- 1928-09-01
- Page
- Seite 484 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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484 Das Maximum der Religion lichem Gebiete mit unserem Selbsterhaltungstrieb dauernd in Konflikt gerät“. Die meisten Menschen hören mit dem konsequenten Denken sofort auf, sobald dasselbe ihren Lieblingsgewohnheiten entgegentritt, ihre Eitelkeiten entlarvt, ihr vergangenes und gegenwärtiges Leben angreift, (Förster), und wer es noch nicht weiß, der lese bei Schopenhauer nach, wie weit alles geistige Streben im Frohndienst des sinnlichen Lebenswillens steht, so daß von einem freien Denken überhaupt nicht gesprochen werden kann, daß alles Theoretisieren nur der Reflex unseres bewußten oder unbewußten Begehrens ist. Nur so ist es erklärlich, daß Baeck für seine Partei die Worte in Anspruch nimmt, die S. R. Hirsch über die Unzeitgemäßheit der Religion einmal geschrieben hat, die niemals dem Moment, der Meinung, der Mode angepaßt war. ״Wir wollen nicht zeitgemäß sein, denn Religion ist bleibend und dauernd!“ Soweit geht also die Selbsttäuschung, daß die Liberalen glauben, die Religion des Nicht-Zeitgemäßen, des Dauernden, dessen, was mit der Welt und ihren vergänglichen Forderungen in Widerspruch steht, zu verkörpern. So glauben sie wirklieh, wenn sie wöchentlich einmal benschen und einige Brosamen von ihrem Tisch für Zwecke der Armen und der Wohlfahrt hergeben, den ewigen Forderungen prophetischer Ethik gemäß zu leben, reden sich ein, daß, wenn sie den Sabbat preisgeben, um den nun einmal das Judentum nicht herum kann, in ihrer Nachgiebigkeit gegen wirtschaftliche Not oder Unersättlichkeit nur eine höhere Gewissenhaftigkeit betätigen, ja, ein größeres Opfer bringen als der fromme Jude, der doch ״nur“ Gehorsam gegen das Gesetz betätigen muß und für welchen die Entscheidung den Sabbat unter unsäglichen, alle Leistungen der Liberalen zusammen übertreffenden Opfern zu halten von vorneherein feststeht. Sie bilden sic h wirklich ein, daß, wenn man den Zusammenhang mit allen Traditionen preisgibt, wenn man die Weihe des Alltags, die Heiligung des Genusseslebens in den Speise- und Ehegesetzen, die die jüdische Familie begründet haben, die uns stets ferngehalten von den Stätten sündiger Lust, die überall uns mit der