Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1928-09-01 · Heft 9-10 (September 1928) · p. Seite 483

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
15 (1928)
Issue
Heft 9-10 (September 1928)
Date
1928-09-01
Page
Seite 483 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2292929-2293057-2293063--09998-2303291
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Das Maximum der Religion 483 Der zweite * hervorstechendste Zug der Versammlung ist das kühne Selbstbewußtsein, die Selbstzufriedenheit, die in dem Ganzen zum Ausdruck kam. Das fällt schon im Einleitungsreferat ״Die Botschat des liberalen Judentums an den Juden von heute4‘ peinlich auf. Diese Botschaft sei vor allen Dingen der liberale Mensch, der Märtgrer und Zeuge seiner Botschaft. Orthodox zu sein, dazu gehöre nur der Gehorsam gegen das Gesetz, ein Liberaler aber kann nur sein, wer sagen kann: Ich bin Dichter und Held einer Tragödie. Er hat die siegende Hand, die stärker ist als Gott. Nur mit dem Willen zum Heroismus kann einer ein ״Apostel“ des Liberalismus sein. Das war fast wörtlich der Auftakt. Diesem folgte eine Stimme, die sich nicht scheute, es auszusprechen, daß in dem alten Judentum bei der Fülle äußerer Werkheiligkeit die soziale Idee vergessen worden sei, daß erst neben dem modernen liberalen Gotteshaus und, man lache nicht, neben den neuen liberalen Lehrhäusern (!) prachtvolle soziale Häuser und Einrichtungen fast durchweg von liberaler Seite gegiündet seien. Und so ging es durch die ganze Tagung in eitler Selbstbespiegelung und satter Zufriedenheit. Nur durch die Berichte der Landmannschaften klang es wie stilles Weh, daß selbst in den Ländern fortschreitender Kultur der Liberalismus wenig Zustimmung finde, daß z. B. in Frankreich und England ihre Anhängerschaft kaum eine Handvoll Menschen bilde. Wir lehnen es ab, das orthodoxe Judentum und seine Leistungen auch nur mit einem Wort zu verteidigen. In der wahren Religion ist Demut und Einsicht in des Menschen Schwäche und Ohnmacht das Grundgefühl. Wie ist diese Selbsttäuschung denkender Männer über ihr eignes Ausmaß möglich? Da kommen wir zu dem Grundübel und Kardinalfehler aller dieser Gedankengänge; dem mangelnden Wrklichkeitssinn. Echte Religiosität greift an Herz und Nieren, stellt alle Leistung und Gesinnung unter das zermalmend richtende Auge des Ewigen. Daher nur urteilsfähig ist, wer an sich selbst erlebt hat, ״wie unser Wahrheitsstreben auf sitt-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.