Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1928)
- Date
- 1928-09-01
- Page
- Seite 482 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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482 Das Maximum der Religion Pentateuch von Anfang bis Ende durchgesehen und nirgends den Satz gefunden: Du sollst die Arbeit um ihrer selbst willen lieben. Der Gedanke klingt zwar sehr hübsch, und man könnte ihn dem Geist mancher Stellen des Pentateuch entsprechend finden. Man kann auch finden, daß im Pentateuch das Gegenteil steht: Du sollst die Arbeit nicht um ihrer selbst willen lieben, sondern sollst sie einem höheren Gebot unterordnen, das Dir zu festen Zeiten die Einstellung jeder Arbeit gebietet, Dich ganze Jahre hindurch zum Feiern zwingt und Dich heißt, alles Gut einer Stadt dem Verderben preiszugeben, falls diese Stadt trotz ihrer Arbeit Götzendienst treibt. Der Satz ist eben nur halbwahr, nur auf diesem Boden der Thorafremdheit und Thoraleere aufrecht zu erhalten. Thoraleer! damit ist das geistige Gesicht des Kongresses gekennzeichnet. Es sind nicht Männer zusammengekommen, die sich bemüht haben, das Thorawort im Geist der Zeit zu verstehen, sondern Männer, die nichts als den Geist der Zeit, als die flüchtige Weisheit des Tages besaßen und nun fragten: gibt es bei diesem Zeitgeist noch Elemente des alten Judentums, durch die wir in Gemeinschaft mit unseren jüdischen Brüdern bleiben können? Der Mangel an Thora, das ist das furchtbarste und vernichtendste Verdikt über dem Liberalismus. Immer unwissender werden seine Massen, immer seltener diejenigen, die eine echte Kenntnis des Judentums ihr eigen nennen. Und so war auf dieser ganzen liberalen Weltkonferenz keine einzige Personlichkeit, die durch Lamdonus, durch Thorakenntnis einen Namen hat. Nicht einmal die Talmud-Dozenten der liberalen Lehranstalten traten auf. Sie blieben fern, wie seinerzeit Zach. Frankel von den Sgnoden sich losriß. Und wenn Claude Montefiore die Bedeutung des Liberalismus darin erblickt, daß wer ein orthodoxer Jude zu sein aufgehört hat, durch den Liberalismus ein reiner und leidenschaftlicher Theist bleiben könne, so entgegnen wir ihm mit den Worten, die der Talmud Gott in den Mund legt: Ach, daß sie Mich verlassen hätten, und Meine Thora bewahrt hätten!