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Jeschurun · 1928-09-01 · Heft 9-10 (September 1928) · p. Seite 478

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
15 (1928)
Issue
Heft 9-10 (September 1928)
Date
1928-09-01
Page
Seite 478 (sequence 6)
Language
German
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478 Das Maximum der Religion an Minder-Ehrenvollem an dieser Tagung aufgefallen ist. Da herrschte zunächst ein erschreckender Mangel an Thora. Viele geistvolle Rabbiner traten auf, ließen feingeschliffene, aus allen modernen Schatzkammern der Weltanschauungen entnommene Wendungen und Forderungen ertönen, Plato mußte das eigentliche Losungswort des Liberalen prägen: aber das Wort der Bibel oder des Talmud oder des Midrasch ist kaum gehört worden, zwei oder drei Zitate, natürlich in Uebersetzung, das war alles. Der größte Kopf unter den Liberalen der Gegenwart, der Rabbiner Dr. Leo Baeck, dessen Referat, ein literarisches Kunstwerk, die geistigen Kosten des Kongresses bestritten hat, hat z. B. folgendes Midraschwort gebracht: Im Talmud ist eine Stelle — sie wäre Blasphemie, wenn sie nicht im Talmud stände — in der von der Gesetzgebung auf dem Berg Sinai gesprochen wird. Äls die zwei Tafeln geschrieben waren, die zweiten Tafeln, hielt Gott sie von der einen, und Mose von der anderen Seite. Und Gott wußte, Israel würde wieder sündigen, und wollte die Tafeln behalten. Da ergriff Mose die Tafeln und entriß sie Gott, um sie Israel zu geben. Und die Hand Moses war stärker als die Hand Gottes, und Gott sprach: ״Heil wird immer sein über der Hand, die stärker ist als meine!“ Das ist das Wort des liberalen Judentums. Mag das Leben der Juden im Ghetto äußerlich hart gewesen sein; geistig hatten sie es leicht. Mögen unsere orthodoxen Brüder die Kraft der Rskese haben; wir liberalen Juden haben die schwerere Aufgabe: mit Gott um die Tafeln zu ringen, daß sie uns gehören und uns zum Segen werden. — Wir müssen begreifen: wir sind die Dichter des Dramas. Das Judentum ist das Drama in der Welt, das ewige Drama. Nur wer das begreift, darf sprechen, darf Botschaft sein. Nur mit dem Willen zum Heroismus kann einer ein Äpostel werden. So können wir einmal die Apostel des Judentums sein, jeder von uns, der liberale Jude, dem sein Judentum ein Maximum an Judentum ist — in Frömmigkeit, in der Größe des Gedankens und im Bewußtsein seines Judentums in der Welt. Das ist liberales Judentum. Das bedeutet seine Botschaft an den Menschen von heute, daß der liberale Jude mit dem Willen zur

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