Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1928)
- Date
- 1928-09-01
- Page
- Seite 477 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Maximum der Religion 477 Ton, diese Musik ist fast ganz verstummt. Nur ganz vereinzelt erklang eine derb paulinische Ablehnung. Diesmal bekannten sogar führende Geister für sich Treue und Anhänglichkeit an das ״Zeremonielle“, und ״das Unglück ist,“ meinte einer ihrer Bedeutendsten, ״daß man es in vielen Kreisen des deutschen Liberalismus für eine Tugend hält, die Parole auszugeben: Los von der Tradition, los vom Jüdischen! Je weniger jüdischdesto liberaler meint man zu sein! Darauf mochte ich ganz offen sagen: Lassen Sie uns paar Leute, die wir die Tradition halten wollen, ruhig die Tradition halten, solange wir die Tradition nicht als autoritatives Gesetz auslegen, sondern als etwas, was uns innerlich wertvoll und teuer ist.“ In jener Unbestimmtheit für die Verwirklichung spricht sich deutlich aus, daß man sich wohl bewußt ist, daß kein einziges Gesetz, das im Judentum geübt wird, als überlebt oder veraltet oder religiös-ethisch bedeutungslos gelten kann, daß in demselben Moment, wo man in klarer Sichtung und Auswahl zwischen einem Gesetz und dem andern unterscheiden soll, man nicht mehr ״seine Hände und Füße finden würde im Bes-Hamidrasch“. So bleibt ein holder Schleier über das gebreitet״ worin sich nun eigentlich jenes feierlichst geforderte ״Maximum von Religion“, zeigen soll und kann. Ueber den Liberalismus der Berliner Reformgemeinde wurde sogar das mutige Wort gesprochen: ״Gegenüber der Glorifizierung der Berliner Reformgemeinde muß ich doch die offene Frage stellen: Welches religiöse oder soziale Werk hat die Reformgemeinde außer dem Gottesdienst in den 80 Jahren nun wirklich geleistet? Nichts, absolut nichts!“ Das Maximum des Religiösen muß also dort recht arm gewesen sein. Gewiß hat jenes > Maximum einen andren Sinn. Aber sicher ist es schon höchst bedeutsam, daß man nicht in dem Negativen die letzte Leis- ■ tung sehen will, sondern im Positiven, in einem Maximum von j Religion. Haben wir so die drei Momente gekennzeichnet, in denen wir eine glückliche Entwicklung des Liberalismus sehen, so wollen wir jedoch auch unverblümt das aussprechen, was uns