Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1928)
- Date
- 1928-05-01
- Page
- Seite 332 (sequence 88)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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332 Parallelen zur Sagenkunde aus Talmud usw. Meister entgegen, der sein Leben ausschließlich der Erkenntnis der Gotteslehre geweiht hat und dessen Sinnen und Trachten rein und makellos sich dieser Lehre zuwendet. Ihm zeigt sich plötzlich die Sinneslust, vor der er sich stets behütet geglaubt hat, in ihrer verlockendsten Gestalt und ringt mit ihm und seiner sittlichen Kraft. Und Mathia bleibt Sieger in diesem schweren Kampf, weil er lieber dem Sehen dieser Welt für immer entsagen will als sündhaft zu werden. Jn der Geschichte des Antonius ist es auch der Satan, der ihn versucht, ist es auch das Weib, das seine Sinne zu betören sucht und wie auch dort will Antonius die Glut der Leidenschaft durch Selbstverstümmlung bezwingen. Aber die verschiedenartige Entwicklung der Erzählungen zeigt doch, daß sie auf verschiedene Weltanschauungen zurückgehen. Im Midrasch ist es das fremde Weib, das Weib eines anderen, das Mathia zu verführen sucht, und Mathia fühlt bei sich, daß auch er nur Mensch sei und der Versuchung erliegen könnte. Er kennt die Schwäche der menschlichen Natur und ist sich ihrer Ohnmacht bewußt. Deshalb will er ein für alle Mal der ihn bedrohenden Gefahr entschlossen begegnen. Denn fähig ist er der Leidenschaft, auch in ihm lebt die Fähigkeit sündigen Verlangens, auch er fühlt sich aus Fleisch und Blut geschaffen. Die Versuchung des Antonius aber trägt rein christlichen Charakter. Antonius lebt in der Einsiedelei fern von den Menschen und hier formt er seinen Willen durch Kasteiung und Enthaltung. Ihm, dem Eremiten, der ehelos nur der Ascese sich hingibt, tritt das Weib als solches entgegen, das ihn zur Sünde verlocken will. In seiner Weltflucht hat er alles irdische Verlangen völlig von sich abgetan, fühlt er keine Leidenschaft mehr, steht er über der Versuchung. Antonius sucht als Äscet seine menschliche Natur gewaltsam umzubilden und alles natürliche Begehren zu ertöten. Leidenschaftslos wie er ist, erkämpft er im Augenblick der Versuchung keinen Sieg mehr, weil er schon vorher seine innerste Natur bezwungen hat.