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Jeschurun · 1928-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1928) · p. Seite 316

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
15 (1928)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1928)
Date
1928-05-01
Page
Seite 316 (sequence 72)
Language
German
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316 Parallelen zur Sagenkunde aus Talmud usw. und die frevlerische Behandlung der Fremden, jedes einzelne Vergehen ein Verbrechen, das zum Himmel schreit. Solche Greuel machen uns das furchtbare Schicksal begreiflich, das dieses Geschlecht treffen mußte, wenn nicht Aufbau und Entwicklung der Menschheit auf lange Zeit hinaus gehemmt und das Empfinden für Recht und Menschlichkeit auf immer ertötet sein sollte. Daher sieht der Talmud in dem Untergang dieser Städte die strafende Vergeltung Gottes für die unerhörten Verbrechen, die nur der Tod sühnen kann. In der antiken Sage hingegen handelt es sich nicht um das Schicksal eines ganzen Geschlechts, sondern nur um ein Einzelgeschick, um Prokrustes. Aber seine Ueberwindung ist nur ein Blatt mehr in dem Ruhmeskranz, den die Vorzeit ihrem Helden Theseus windet, in dem die Antike einen Wohltäter der Menschheit verehrt. Die Prokrustes Sage dient mehr als ornamentales Beiwerk der Ausschmückung der Theseusmgthe, ohne ein tieferes sittliches Motiv hervortreten zu lassen, die talmudische Erzählung hingegen erkennt den Grundgedanken von Schuld und Sühne als Leitmotiv an, um uns den Untergang eines ganzen Geschlechts verstehen zu lassen. Doch primitiver ist der Vorgang in der antiken Darstellung geschildert, und daher scheint es wahrscheinlich, daß diese Erfindung des Folterbettes und der damit verbundene Vorgang der Antike ursprünglich angehört. Dafür spricht auch die »Handlung selbst, da ihr charakteristisches Merkmal die griechische Hybris ist, der Uebermut des Gewalttätigen, der mit Göttern und Menschen sein frevlerisches Spiel treibt. Dieses Bild der Phantasie hat dann wohl als Vorbild für die Charakterisierung der Männer von Sodom gedient. Nur haben Talmud und Midrasch ihr eigenes Gepräge dieser Erzählung ,dadurch gegeben, daß sie das ethische Moment von Schuld und Sühne mit ihr verknüpft haben und den Hergang aus der Sphäre des primitiven Geschehens heraus hoben. Denn alle Erzählungskunst des Talmud will nicht nur das Geschehen

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