Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1928-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1928) · p. Seite 315

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
15 (1928)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1928)
Date
1928-05-01
Page
Seite 315 (sequence 71)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2292929-2293057-2293061--09828-2303119
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Parallelen zur Sagenkunde aus Talmud usw. 315 Dieser unmenschliche Zug der ,,Gastfreundschaft“ entspricht ganz dem übrigen Charakterbild, das Talmud und Midrasch von den Männern von Sodom entwerfen, ihrer Auffassung von Wohltätigkeit und Rechtspflege, die vom Geist der Menschlichkeit nicht berührt war. Die gleiche Freveltat schreibt die hellenische Sage einem gewalttätigen Riesen zu. Damastes oder Polgpemon lebte in Erineos bei Eleusis und war weit und breit als ״Prokrustes“ d. h. Gliederausrecker gefürchtet. Kam ein Wanderer des Weges, fiel er ihn an und zwang ihn, sich in ein bereitstehendes Folterbett zu legen. War er klein, sprach er höhnend zu ihm ״Wie Du siehst, ist meine Lagerstatt für Dich viel zu groß, laß Dir das Bett anpassen und damit reckte er ihm die Glieder aus, indem er ihm die Füße hämmerte, — prokrouein — bis er starb. War der Fremde aber groß, legte er ihn in ein kleines Bett und sagte zu ihm: ״Es tut mir leid, mein Bester, daß mein Bett nicht für Dich gemacht ist, doch dem soll abgeholfen werden“. Mit diesen Worten hieb er ihm die Füße ab, soweit sie über das Bett hinausragten, so daß er starb. Theseus, der diesem Unhold auf seiner Wanderung begegnete, war ihm aber an Kraft gewachsen, er warf den Räuber in sein eigenes Folterbett und hieb ihn auf die gleiche Weise zusammen, in der jener die anderen zu Tode gewartert hatte, er schlug ihm die überstehenden Füße ab, sodaß er elendiglich umkam.1) Die Uebereinstimmung beider Erzählungen ist in der Tat überraschend; der gleiche Vorgang und das gleiche Bild des Folterbettes hier wie dort. Und doch unterscheiden sie sich in ihrer Tendenz sehr deutlich von einander. Talmud und Midrasch entwerfen uns gradezu plastisch ein Charakterbild der Bewohner Sodoms und zeichnen uns ihre verbrecherischen Züge und Neigungen, ihr jedem Rechtsgefühl hohnsprechendes Rechtsverfahren, ihr unmenschliches Verhalten gegen die Armen *) W. H. Roscher‘ Äusführiiches Lexicon der griech. und röm. Mythologie Bd. I S. 9*22.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.