Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1928)
- Date
- 1928-05-01
- Page
- Seite 295 (sequence 51)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Fall Waremme—Warschauer. 295 zwingen ihm ihre konventionelle Moral auf, und sein ursprüngliches Lebensziel: Glück ohne Reu, bleibt unerreicht. Der Ämalgamierungsprozeß gelingt nicht, und er bleibt mit seiner im Grunde andersartigen Natur in der neuen Umgebung unglücklich. Den Denker Wassermann reizte vielleicht die Problemfrage: Wird aus einer solchen genialen Zwitterbildung wie Waremme jemals etwas Organisches, schlackenlos rein Deutsches? Wird aus einem Rasseflüchtling je ein ganzer reiner Mensch oder nur ein Kunstprodukt, ein charaktermäßig Entgleister? Wassermann antwortet: Jawohl, er muß eine Mißbildung werden, in der heutigen Gesellschaft muß er ein Charakterloser werden, es gibt keine Mischung der bluthaften Elemente bis zum restlosen Verschwinden und Verleugnen und Untertauchen, es gibt keine chemische, schicksalverknüpfte Verschmelzung der Rassen. Waremme, der Judenstämmling, der gerade durch seinen Meineid sich und dem deutsch-christlichen Mädchen die Treue zu halten vermeint, Waremme, der ebensogut für eine Idee sein Leben verspielt und verdämmert, und Etzel, der für das Gerechtigkeitsphantom Kämpfende, beide sind in ihrer Ärt fehl am Orte, beide Verunglückte und am verlorenen Posten, beide tragisch Verzerrte in dieser zerfahrensten aller Weltperioden, beide müssen an der Struktur der heutigen Gesellschaft leiden, gerade weil sie anderswertig und abartig sind, beide werden Deklassierte und Geächtete ihrer Epoche; Etzel, der verstiegene Idealist einer utopischen Welt, und Waremme, der entillusionierte Hirnmensch, der sich doch der Menschlichkeit und herrschenden Moral nicht entziehen kann. Waremme, der Jude, glaubt nicht an absolute Gerechtigkeit auf Erden, sie ist ihm ein Phantom, ein Symbol, ein Zeitloses, doch kein Irdisches. Pessimismus, Schicksalswendung, Karma, dieser Glaube ziemt dem Menschen, doch absolutes Rechtsbewußtsein, Weltgewissen, Schuldhaftigkeit, ausgleichende Gerechtigkeit, das sind Phantome derer, die der Welten wahren Lauf und deren Erfahrungen nicht kennen, Phantastereien der von leichtem Erfolg