Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1928)
- Date
- 1928-05-01
- Page
- Seite 293 (sequence 49)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Fall Waremme—Warschauer. 293 sieht den ganzen Jammer dieser zerbrochenen Ehe, es kommt zur entscheidenden Auseinandersetzung zwischen den Schwesiern, da fällt des Nachts der verhängnisvolle Todesschuß auf die unglückliche Gattin — wer den Schuß abgegeben, bleibt im Dunkeln. Der dringende Verdacht und alle Anzeichen spreeben für Maurizius, den Gatten, als Täter, und dieser wird in der nachfolgenden Gerichtsverhandlung zum Tode und dann zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt. Der Hauptbeweis für die Schuld des Maurizius war der Eid des Freund- Feindes Waremme, der die Pistole in Maurizius’ Hand gesehen haben will. In Wirklichkeit war Anna die Täterin, die in jener Nacht von der eifersüchtigen Schwester, der Gattin des Maurizius, aufs tiefste gepeinigt und gedemütigt worden war. Waremme hat den Meineid teils aus Edelmut und Liebe für Anna auf sich genommen, teils aus langgehegter Eifersucht und Neidgefühl auf Maurizius, dieses Schoßkind des Glücks, diesen aufgeblasenen Emporkömmling (eine ,,geplatzte Null“ nennt ihn einmal Waremme), in dem, nach Waremmes Meinung, keine Größe und keine Eigenberechtigung zum Leben ist. Der Sophistik Waremmes fällt es nicht schwer, Argumente und Scheingründe in Fülle zur Rechtfertigung seines Meineides, an dem er schließlich sein Leben lang zu tragen hat, zu finden. So kommt die Ungeheuerlichkeit zustande, daß ein Unschuldiger ein ganzes Leben voll unmenschlicher Höllenquälen auf sich nimmt, während er, Waremme, mit Anna, der wahren Schuldigen, in die Welt zieht und Mitgenießer des Vermögens wird, das die schöne Mörderin durch den Tod ihrer Schwester ererbt hat, allerdings ohne jemals dabei glücklich zu werden. Er zieht abenteuernd durch Länder und Weltteile, verliert Geld und Geliebte, lernt in New-Yorks Juden- und Negervierteln edelstes Menschentum schätzen, und lebt später sein zynisch-armseliges Dasein in Berlin, wo ihn Etzel ent— deckt. Das Rätsel Waremme-Warschauer! Liest man die vorstehende Skizze von seiner Entwicklungslinie und Handlungsweise, so dünkt uns Waremmes Tun und Charakter ungeheuer- 4