Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1928)
- Date
- 1928-05-01
- Page
- Seite 292 (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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292 Der Fall Waremme—Warschauer. ״Kein seltener Fall: Der Zurückgestoßene verliert sein? Seele an die, die ihn zurückstoßen.“ Seine Liebe gehört der deutschen Geschichte, ihren Heroen, ihren Liedern, ihren Landschaften, ihren Städten. Die Juden, mit denen er in Berührung gekommen war, mag er nicht. Der jüdische Unterricht und die Lehrer seiner Jugend sind lächerlich, wertlos gewesen; kurz, es kostet ihn wenig Mühe, das Versehen seiner Geburt gutzumachen, und so wird er zum Apostaten. Den naheliegenden Einwand, warum er nicht aus Trotz über die Entrechtung bei seinen Brüdern ausgehalten und sich mit denen seines Stammes solidarisch erklärte, um aus dem Widerstande doppelte Kraft zu ziehen, tut er leichtherzig mit der Entgegnung ab: er liebt einfach seine Stammesbrüder nicht, und dies Gefühl der Abneigung entbindet ihn der Stammeszugehörigkeit. So beginnt er denn seine glanzvolle Sternenbahn als Abtrünniger: er wird Adoptivsohn eines katholischen Schriftstellers und Hetzapostels (die Geschichte spielt am Rhein), der ihn für ein Genie hält. Er übt eine suggestive Gewalt über alle nichtjüdischen Kreise, mit denen er in Berührung kommt, gerade in den höchsten Zirkeln saugt seine antagonistische Natur sich fest, dort findet seine blendende Dialektik, sein faunischer Witz, sein Kunstverstand und Sprachengenie und sein Vielwissertum höchste Bewunderung. Männlein und Weiblein liegen ihm zu Füßen, er spielt Fangball mit den Größen der hohen Gesellschaft, bis ihn endlich eine echte Leidenschaft für ein Mädchen aus dieser Gesellschaft erfaßt, für Anna Jahn, eine feine Mädchenblüte, die ihm und Maurizius nachher zum Verhängnis, zum Schicksal wird. Diese siebzehnjährige Anna, von wunderbarer, rätselvoller Schönheit, fällt in einer schwachen Stunde der hgpnotischen Gewalt Waremmes zum Opfer; fortan fühlt sie sich ihm trotz instinktiver Abneigung, denn er ist ihr unheimlich, fürs Leben verfallen. Als später Maurizius, der an der Seite der viel älteren Gattin sich Unglücklieh fühlt, die jüngere und schönere Schwester Anna lieben lernt, geht Maurizius unter diesem Dreiecksverhältnis seelisch und moralisch zugrunde. Waremme kommt ins Haus und