Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1928)
- Date
- 1928-05-01
- Page
- Seite 291 (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2292929-2293057-2293061--09804-2303095- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der Fall Waremme—Warschauer. 291 es ist sein direkter jüdischer Einschlag: der Gegner des verurteilten Äiaurizius, Waremme, alias Warschauer, er, der das Fehlurteil durch seinen Meineid veranlaßt hat, ist Jude. Waremme ist Jude von Geburt, und doch nur ein Desperado, eine Verzerrung des Judentums. Mit den herrlichsten Gaben des Geistes und der Gestalt zur Welt gekommen, von unauslöschlichem Ehrgeiz und skrupellosem Strebertum getränkt und durchs Leben gehetzt, ist er ein sehr wenig ansprechender, leider einziger Vertreter des jüdischen Elements in diesem dokumentarisch hochwertigen Roman. Hemmungslos schildert und entkleidet er sich selbst vor Etzel, seinem Ankläger. Er ist ein Verwandlungsphänomen. Vater und Mutter Juden, doch glaubenlos: ,,Mein Vater war stolz auf die Emanzipation. Eine listige Erfindung das, sie nimmt dem Unterdrückten den Vorwand, sich zu beklagen. Die Gesellschaft schließt ihn aus, das körperliche Ghetto ist zu einem seelischen und geistigen geworden, man wirft sich in die Brust und nennt es Emanzipation.“ (Seite 329). Der Sohn dieser Eltern und dieser disparaten Zeit will nicht mit dem Bettelalmosen eines jämmerlichen Bürgerrechts vorlieb nehmen, er sieht die Tore seiner Zukunft von gesellschaftlichen Vorurteilen und Ausschließung gen verrammt, mit allen seinen strotzenden Begabungen sieht er sich von fast allen Gebieten des Lebens und des Wirkens ausgeschlossen. Sein zehrender Ehrgeiz fordert Nahrung, seine polare Natur, der Dualismus, der ihn zu etwas Großem im Sittlichen oder im Amoralischem befähigt, drängt zu einer Ent- Scheidung. Das Gnadenbrot der Emanzipation, das Helotentum und Versteckenspielen seiner Glaubensgenossen, ihr Sichnichterkennengeben und Nichtanstoßenwollen widert ihn an; jene sind Sklavenseelen und Nachäffer ihrer Herren, er will selbst Herrscher sein. Er haßt sein jüdisches Blut, seine Herkunft. ״Ich haßte ihr Idiom, ihren Witz, ihre spezifische Melancholie, ihre Anmaßung, ihre Selbstpersiflage.“ Aber was noch seltsamer ist bei diesem Glaubensgenossen Waremme, er bewundert die anderen, die Nichtjuden, ja, er liebt sie, und das ist das Merkwürdige. Der Dichter sagt hierüber: