Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1928)
- Date
- 1928-05-01
- Page
- Seite 289 (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Fall Waremme—Warschauer. 289 sehen Laster, die Selbstzerfleischungen des Verurteilten, die bis zur Selbst&uslöschung und Preisgabe aller Menschenwerte und Rechte auf Eigenexistenz gehen — wie wir das alles bebend und atembeklommen miterleben, das zeugt von einer bezwingenden Könner schaff; und einer schaurig-schönen Seelen- Kenntnis des Dichters, die an die leidensgestählte Meisterschaft eines Dostojewski und Tolstoi gemahnt (von denen Wassermann wohl auch die episch-rückschauende Erzählungsort übernommen hat). Doch nicht dem Künstler und epischen Gestalter Wassermann wollen wir hier nachgehen; es handelt sich für uns Juden vielmehr um das ethische Problem in seinem Werke. Wir hatten eingangs angedeutet: Wassermanns Gestalten kennen kein Mittelmaß, sie sind als Ideenmenschen (Renate Fuchs, Ägathon, Wahnschaffe und andere) die Vertreter des Unbedingten, Kompromißlosen, sie nehmen Not und Tod auf sich, ,,den Kampf des Herzens mit der Welt“, um eine Idee durchzufechten; sie werden von eigenem Erleben durchschüttert bis zur Selbstquai und Selbstvernichtung. Sie sind bald grüblerische Äiondwandier, traumerfüllte Somnambulen ihrer fleischgewordenen Idee, bsld dämonisch-gepeitschte Fanatiker und Tatmenschen. Hier in seinem jüngsten Werke ist die ,,ideemalt! esse“ Etzels, des kaum im Jünglingsalter stehenden Sohnes des Oberstaatsanwalts, eine rein ethische. Er ist ein Exstatiker der Gerechtigkeit, er spürt wie durch Fernwirkung das vor zwanzig Jahren von seinem Vater, dem Staatsanwalt, veranlaßte Unrecht, mit tausend Listen bohrt er sich marderartig in das Vertrauen des wahren Schuldigen ein und entlockt ihm sein Geständnis, baut sich seinen Marderbau mit unsäglichen .Mühen und Listen und für sein Älter kaum ertragbaren, kaum glaubbaren Entsagungen. Geblendet, verklärt, getragen von seiner Idee verläßt er Elternhaus, Freunde, Studium und hold jugendliches Träumen, um im dunkelsten Berlin den wahren Schuldigen zu erforschen. Dies ist fortan seine Mission, sein Lebenswerk. Er konstruiert sich ein neues Leben. (An der Etzel-Gestalt ist überhaupt viel ideenhaft Konstru-