Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1928)
- Date
- 1928-05-01
- Page
- Seite 288 (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2292929-2293057-2293061--09801-2303092- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
288 Der Fall Waremine—Warschauer. tiefste aller Gegenwartsdichter deutscher Zunge. Er steht an der Wegscheide seiner Zeit und kündet Höchstes, Letztes, Unbedingtestes, ihn reizt das Ungemeine, Außerordentliche. So geziemt sich wohl für uns Nachempfindende, von seinen Werken die Zeichen der Welt abzulesen und bei jeder seiner Neu- Schöpfungen die alte Prophetenfrage zu stellen: Wächter, was ist’s an der Zeit? Wohin und wieweit des Weges führt uns dein Werk? Auch in seinem neuesten Roman: ,,Der Fall Maurizius“ geht es um eine der höchsten Menschheitsideen, die Idee der Gerechtigkeit. Unsere moderne Rechtssprechung wird vors Gericht gel:1den: Das vornehmste Beweismittel unsres Strafverfahrens: der Indizienbeweis, d. h. der aus subjektiven gedanklichen Schlußfolgerungen, auf vorausgehenden, oder der Tat folgenden verdächtigen Begleitumständen gebaute Beweis für die Schuld oder Unschuld des Angeklagten, der Indizienbeweis also, die festeste Stütze des heutigen Gerichtsverfahrens wird unter Anklage gestellt. Angel und Achse des Romans ist der Fall Maurizius: Ein junger Privatdozent, des Gattenmordes angeklagt, wird auf einen Indizienbeweis (leichtsinniges Vorleben, zerrüttete Ehe Verhältnisse) und einen Eid eines angeblichen Freundes nach einer glänzenden Anklagerede des Staatsanwalts zum Tode verurteilt, jedoch dann zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt. Etzel, der kaum siebzehnjährige Sohn jenes Staatsanwalts, dessen glanzvoller Aufstieg im Staatsdienst von jenem ״Fall“ datierte, macht es sich zwanzig Jahre nach dem Prozeß zur Lebensaufgabe, den wahren Schuldigen zu entdecken und die Falschheit des ersten IJrteils zu erweisen, was ihm auch nach unendlichen, schier übermenschlichen Schwierigkeiten gelingt. Dies der Wesens- Inhalt des Buches. Daneben laufen unzählige labgrinthische Fäden und nervenzersetzende Seelenbekenntnisse des eingekerkerten, zu lebendigem Tode verurteilten Maurizius. Was hier Wassermann in diesen Bekenntnissen des Sträflings an seelischer Minierarbeit leistet, wie wir alle Höllenschauer der Einsamkeit und Gemeinsamkeit der Zuchthäusler, alle unterirdi-