Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1928)
- Date
- 1928-05-01
- Page
- Seite 251 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Leid der Tiere. 251 aufreißt, die Zunge zerfetzen! Der Beispiele aus der Naturgeschichte sind ja zahllose beizubringen. Aber es genügt, was wohl jeder selbst erlebt, das Spielen der Katze mit der Maus. Wieviel des Grausamen beim Fortpflanzungsgeschäft der niederen Tiere, wenn etwa die Eier in ein anderes Tier gelegt, damit die Brut, wenn sie ausschlüpft, dies bei lebendigem Leibe verzehre. Die Beibringung solcher Beispiele ist besonders be- Hebt bei denen, die die T^eleologie, die Zwecksetzung einer schöpferischen Intelligenz für Entstehen und Leben der Tierarten glauben leugnen zu müssen. Wir erwähnen unter vielen nur Bölsches monumentales Werk ״das Liebesieben in der Natur“, aus dem hier reiches Material beizubringen wäre. Mögen wir hier mancherlei auf Rechnung der Tendenz setzen, es bleibt noch soviel, daß es uns erschüttert. Aber weil die Natur uns dies Schauspiel bietet, sollten wir das Grausige zum Deckmantel dafür nehmen, dem Leid der Tiere gegenüber uns gleichgültig zu verhalten? Nein! Das Problem der Theodicee, der göttlichen Gerechtigkeit erfährt dadurch nur eine Steigerung. Dies Problem stellt ja nicht nur angesichts des physischen und moralischen Uebels seine Fragen, über das Leid der Menschen und die Herrschaft des Bösen hienieden, es erhebt auch vor dem metaphysischen Uebel Klage und Anklage, ob denn angesichts des Leidens aller Kreatur diese Welt wirklich als die vollkommenste aller Welten aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen. Man weiß, daß noch keine befriedigende Antwort gefunden. Um so mehr ist es die Pflicht des Menschen, dies Leid mit allen Kräften zu mindern. Wie für unser Verhalten den Mitmenschen gegenüber die Forderung gilt, alles dran zu setzen, daß das Problem der Theodicee, soweit es an uns liegt, aus der Welt geschafft wird, da das schwerste und vielfältigste Leid der Mensch dem Menschen zufügt, so gilt diese Pflicht auch gegenüber den Tieren. Ueberall das Leid zu mildern, das Böse zu tilgen, aas Gute in die Welt einzuführen, die Natur, die unberührt von den Empfindungen der Wesen sie nach den ihr waltenden Gesetzen entstehen und vergehen läßt, zu versittlichen. Damit