Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- Seite 241 (sequence 124)
- Language
- German
- Belongs to
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Wunderbares im Alltäglichen 241 durchs Mikroskop die feinen Speichel- und Saugkanälchen der Fliegenlippe oder Zunge an, mit denen das Insekt die Nahrung anfeuchtet und aufsaugt! Schau dir den Fuss an, mit den grossen Krallen, und die kleinen Haflballen, mit denen sich das Insekt an glatten Gegenständen zu halten vermag! Ein Kunstwerk sondergleichen!— Wie blind gehen ,wir an den alltäglichsten Erscheinungen vorüber. Bis ins achtzehnte Jahrhundert hatte die Fliege angeblich vier Beinpaare! ״Niemand hatte sich die Mühe genommen, die Beinzahl der uns täglich umgebenden Stubenfliegen nachzuzählen. Wohin wir immer schauen, nehmen wir Zweckmässigkeit, Ordnung und Gesetzmässigkeit wahr, die uns auf einen zwecksetzenden Ordner und Bildner verweisen. Beobachten wir die Orchidee Catesetum! Gegen jedes Insekt, das diese Gattung besucht, wird ein Staubgefäss geschleudert. Das Insekt stösst unfehlbar an die sogenannten ״Schwänze“ der Pflanze. Die geringste Berührung genügt aber, um einen Mechanismus auszulösen. Der unter stärkster Spannung stehende Pollenstaub wird auf das Insekt geschleudert, das nun seinerseits den Pollenstaub verbreitet und so der Befruchtung dient. ״Wir haben es so herrlich weit gebracht“ nicht bloss im Sinne des Famulus Wagner. Wir haben viele physikalische Erscheinungen auf ihre allgemeinen Gesetze zurückgeführt. Doch im Zeitalter der Relativität darf man wohl darauf verweisen, dass auch dieser Fortschritt nur relativ, dass wir nur im Verhältni8 zu unserem früheren Wissen Gewaltiges erreicht. Für das wahre Wesen der Dinge gilt noch heute das Sokratische Wort: Je mehr w7ir lernen, um so mehr erkennen wir, wie wenig wir wissen; und das Augustinische Wort: Ein Wunder steht nicht im Widerspruch zur Natur, sondern nur zu dem, was wir von der Natur wissen. Welcher Trieb treibt die Grabwespe dazu, ihr Haus mit Maikäfern zu füllen, dann ihre Eier zu legen, sie, die nie ihre Kinder schauen wird, denn sie stirbt, wenn sie ihr Werk getan! Wir kennen nicht das Wesen der Kraft, immer nur ihre Wirkung, bei den Röntgenstrahlen, beim Radium, bei elektrischen Erscheinungen, so gewaltig auch die