Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- Seite 204 (sequence 87)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2292929-2293057-2293060--09716-2303006- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
204 Eine neue Geschichte des Judentums usw. Leserkreis herauszugeben. Gewiss sind die Zeiten vorbei, wo es uns Juden beglückte, wenn uns von Nichtjuden bescheinigt wurde, dass unsere Religion und Ethik ebensogut wie die christliche sei, und die Tochter sich ihrer alten Mutter nicht zu schämen brauche. Wir sind uns unseres Eigenwertes bewusster geworden und schauen nicht mehr sehnsuchtsvoll nach Lob- und Fleisszetteln christlicher Theologen und Religionsforscher wie früher aus. Dennoch aber darf es uns mit Stolz erfüllen, dass ein hervorragender nichtjüdischer Forscher, der sich Jahrzehnte mit unserer heiligem Schrifttum beschäftigt hat, zu einer solchen, fast bedingungslosen Bejahung und hingebenden Liebe für unsere tanaitische Gesetzeslehre kommen konnte. Was zeichnet dieses Werk von allen einschlägigen Werken nichtjüdischer Verfasser aus? Es ist nicht allein die Staunenswerte Belesenheit und kompetente Kenntnis eines Nichtjuden in den Schriftwerken unserer Halacha und besonders der Hagada, die in diesem Umfange unseres Wissens noch von keinem Vorganger (vielleicht Strack ausgenommen) erreicht wurde, es ist nicht allein die sittliche Hoheit und unbestechliche Wahrhaftigkeit, die aus jedem Kapitel hervorleuchtet. Das Ueberragende und Hochbedeutsame dieses Lebenswerkes eines Gelehrten liegt u. E. in dem klugen, geraden, gesunden und unpathetischen Urteil des Verfassers, das von der Mentalität des Amerikaners, von dem klaren common sense des Engländers diktiert erscheint. Hier wird nichts verschönt und nichts verkritzelt, nichts gruppiert und drapiert, um Apologetik zu treiben oder anzuklagen. Der Verfasser reiht bezeichnende Aussprüche unserer Weisen, Gesetzeslehren und Vorschriften wie Tatsachen aneinander, um dann als Fazit wie ein gerechter Richter sein Urteil zu fällen. Mit offenen Sinnen fängt er den Stimmungsreiz eines jeden Zeitabschnittes ein, findet manche Forderungen eigentümlich, manche verstiegen idealistisch, utopisch sogar, doch an keiner Stelle findet man verkleinernde, ironisierende, stichelnde Bemerkungen. Der Gesamtgeist des Talmuds ist dem Verfasser verehrungswürdig, in diesem Geiste lässt er jede Aeusserung unserer Weisen für sich sprechen, und von diesem Geiste lässt er sich