Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- Seite 150 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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150 Der Gottesdienst nsw. des Publikums ist uur die Antwort auf die Vernachlässigung einer hohen Kunst. ״Wer das Bibel wort liest ohne Lieblichkeit, auf ihn sagt der Vers: die ich ihnen gab, die Gesetze, als wären sie nicht gut, die Vorschriften, als schöpften sie nicht daraus Leben“. (Meg. 32a) Ich möchte auf diese Kunst als Kunst wieder hinweisen. Zur Kunst ist nicht jeder berufen. Es war wohl ursprünglich so gedacht, dass jeder Aufgerufene selbst leinen dürfe. Das Rezitativ der Negina war so schlicht, so volkstümlich ersonnen, dass man hoffte, jeder wird einen Abschnitt darbieten können, und die stille Erregung in seiner Seele, vor der Gemeinde zu sprechen, wird etwaige Unebenheiten der Stimme vergessen lassen; die Seele, nicht die Kehle wird singen. Aehnlich wie noch heute eines Barmizwahknaben Vortrag ergreift, weil des Kindes freudige Wallung sich selbst bei schwachen Stimmitteln ausprägt. Aber die ursprüngliche Absicht der Weisen liess sich nicht durchführen. Es musste ein Vorleser bestimmt werden. Aber das 8011 wirklich ein dazu befähigter sein; nicht jemand, der weil zum Chasaa zu schlecht, nun die Greuel seiner Stimme im Leinen auf das unschuldige Ohr des Hörers losslässt, nicht jemand, der beim Bibelwort nicht selbst zittert, bangt, jubelt, zürnt und lacht, sondern nur Worte an Worte reiht, selbst wenn in der Negina ein eigentlicher Fehler nicht vorkommt. Wie haben wir nicht die Haphtauraus vogelfrei gemacht! Wehrlos muss man oft die herrlichen Visionen des Jesajas mit roher Unkultur und Ehrfurchtslosigkeit zu Stimmübungen der Seelenlosen entweihen und über sich ergehen lassen. Aber auch durch äussere Mittel müsste die Würde des Leinens wiederhergestellt werden. Es wäre nicht falsch, wenn beim Omen des Baal Kaure die ganze Synagoge sich erheben, alles zum Almemor sich wenden würde, ein Bild der Spannung, der Erwartung und der respektvollen Andacht vor dem Gottesworte. Jedenfalls aber müsste Stille, ehrfürchtige Stille, lautlos feierliche Stille herrschen. Als Gott sich offenbarte am Sinai, da hat kein Vogel gezirpt, kein Tier gebrüllt, Wind und