Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- Seite 149 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Gottesdienst usw. ■v 149 Die reine Schönheit, den erhabenen Sinn, den heiligen Geist des Schriftwortes in solcher Macht in sich aufzunehmen, als hätte er es noch nie gehört, als stünde er jetzt am Sinai, und der Baal־Kaure wäre Mosche, der Prophet? Wird nicht durch die Häufung des garnicht zur Sache gehörigen Beiwerks, der vielen sinnlosen Mischeberachs und sonstigen Zutaten selbst der erschlossene Sinn immer wieder zerstreut und abgelenkt, die Spannung des Ganzen vernichtet, der Zauber der biblischen Poesie zerstört? Ist es doch soweit gekommen, dass viele selbst religiöse Kreise sich niemals der einzigartigen Schönheit de& Torawortes bewusst werden, sondern in erschreckender Nüchternheit bei seinem Glanz kalt verharren. Dass aber das schlichte Wort wieder die Seelen packe und* fortreisse, dazu bedarf die Kunst des ״Leinens“ einer besondrer Kultur, einer ernsteren Pflege als bisher. Denn Leinen ist eine Kunst, eine echte hohe Kunst. Nur wer einmal einen wahren Künstler diese hat ausüben hören, der kennt ihre ungeheure Wirkung. Hat dir noch nie beim Lesen der Megillas Esther, die allerdings leicht vorzutragen ist, der Baal-Kaure alle Komik und allen Ernst, alle Sorge und alles- Glück, alle Heimtücke und alle Grösse der Purimgeschichte ins Herz gezaubert! Oder hast du noch niemals am siebenten Tag des Pessach die Spannung, vom Durchzug durch das Schilfmeer und den Jubel der Schira aus dem künstlerischen Vortrag erlauscht, erlebt, erfahren? Oder am Rosch Haschono die Inbrunst der Akeda, am Schwuaus den Donner des Zehnworts?׳ Es gibt Möglichkeiten, die jüdische Seele jedesmal neu durch das Leinen zu ergreifen, durch feine Modulation, durch Betonung der Höhepunkte, Heraushebung der wichtigsten Verse das Wort zu beleben, zu dramatischer Wucht zu steigern. Es gibt seit alters uns geläufige Mittel, wie bei jeder Deklamation, jedem; Vortrag, jeder andren geistigen Darbietung das Verständnis dem Hörer zu erleichtern, ihm den Inhalt aus der StaTre zu erlösen und zu lebendigen Anschaulichkeit zu bringen. Warum wenden wir diese Kunstmittel nicht immer an? Warum liessen wir das Leinen im Mechanischem untergehn? Die Interesselosigkeit