Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- Seite 145 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Gottesdienst usw. 145 Die Not und die Rechtlosigkeit der früheren Khillaus hat dazu gezwungen, die Mizwaus zur Quelle des Gewinnes für die leeren Kassen der Gemeinde und die Ehrsucht des Einzelnen zum Vorspann der Gebefreudigkeit zu machen. Dadurch wurde die Verteilung ein Privileg des Reichtums, eine Quelle peinlicher Ueberraschungen in der Synagoge, aber zugleich dauernder Miss- Stimmung bei den Ausgeschlossenen, eine Erregung des Neids und der Missgunst, der bösen Zunge und des bösen Blicks, die sich mit Reinheit des Herzens schlechterdings nicht vereinen lassen. Ich erinnere mich einer Szene aus meiner Heimatstadt Lübeck. Da waren zum Feiertag zwei meiner Brüder aus der Fremde heimgekehrt, und der Zufall wollte es, dass für beide הוצאה והכנסה — die bei zwei ספרים geteilt wurde — von Freunden gekauft war. Als sie jetzt mit dem Vorsteher zusammen zum Oraun hinaufstiegen, schallte eine Stimme über die Synagoge: ״die Prinzen״! Allgemeine Erregung über den vorlauten Sprecher! Mir aber gingen seine Worte durch und durch, blieben mir stets im Ohr, und nie habe ich das quälende Gefühl verloren, wenn mir eine Ehrenfunktion gekauft wurde. Nicht der laute, nur der gerechte Vorwurf kann verletzen. Und dieser Vorwurf war gerecht. In fast allen Gemeinden, in denen ich bisher lebte, waren es immer bestimmte Kreise, die ein Sonderanrecht auf die Mizwaus hatten, die sie fast mit Beschlag belegt hatten. Die Verwaltungen der Gemeinden, vielleicht innerlich über kleinliche Empfindungen erhaben, täuschen sich aber über den Grad der inneren Verbitterung, die dadurch erzeugt wird. Einzelne hat sie ganz dem Gotteshause entfremdet, andere tragen einen tiefen Groll im Herzen, der sich wie ein stiller Zunder im Schosse der Gemeinden häuft. Welche sittliche Verwilderung aber bedeutet es, wenn selbst am Jom Kippur, dem Tage der Versöhnungen, die ganze Toravorlesung eindruckslos verhallt, weil die Unzufriedenen spöttelnd und hämisch, während das Gotteswort ertönt, die Anmasslichkeit der Ehrenjagd kritisieren! Selbst wenn mit gleichen Waffen um eine Mizwah gekämpft, aber ein übertriebener Wettlauf ver- •anstaltet wird, wie im Tempel bei Verteilung der Schaubrote