Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- Seite 126 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2292929-2293057-2293060--09638-2302926- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
126 Ibsen die Vorkämpfer auch nur des offiziellen Christentums anerkannt werden könnten. Aber tief hineingeschaut hat Ibsen in die Unnatürlichkeit der Beziehungen, wie sie so oft die Ehe am engsten zwischen zwei Menschen knüpft und in den Sinn des Lebens, das der Einzelne für sich führt. Sicherlich sieht Ibsen wieder zu schwarz, wenn etwa alle Ehen nach der zwischen dem Kammerherrn Alving und Helene in den ״Gespenstern“ nach Nora und ihrem Gatten, nach Hedda Gabbler und Jörgen Tesman und nach den Eltern von Klein- Eyolf beurteilt werden sollten. Und selbst die unbedeutenden Frauen, die er in Betty dem Konsul Bernick, in Beate dem Adelsmenschen Johannes Bosmer, in Aline dem Baumeister Solness u. s. w. zur Seite stellt, sind wahrlich nicht der reguläre Typ. Aber dass, wie die ganze soziale Schichtung, 80 das wichtigste Kernstück des sozialen Lebens, die Ehe oft genug auf trügerischem Grunde sich aufbaut, das hat Ibsen mit einer Ueberzeugungskraft vor Augen zu führen gewusst, dass von seinem Wirken aus (trotz aller Verirrungen und Uebertreibungen) sich die Wahrheit und Offenheit der von der Natur geforderten Wege mehr durchgesetzt hat. Aber nicht nur in der Ehe kranken die Menschen an der ״Lebenslüge“. Sie sind in sich zerrissen und zerbrochen, weil sie nicht ihr eigenes Leben führen, sondern ein Leben, wie es sich in den Augen der anderen darstellen soll. Sie schauspielern fast alle bei Ibsen. Peer Gynt ist nur das bis zur Groteske ausgemalte Muster. Einen Stich zum Selbstbelügen haben sie alle. Hayrnan Ekdal in der ״Wildente“ ist der Glückliche bei seiner ״Lebenslüge“. Die ernsten Gestalten bei Ibsen verzehren sich in dem Widerspruch zwischen Sein und Schein. Ein tiefes Symbol, wenn Baumeister Solness, trotzdem er sich nicht schwindelfrei fühlt, auf den Turm steigt. Sein Sturz besiegelt nur die Erkenntnis, die in ihm imbewusst schon lange schlummerte, und dem nachdenklichen Leser am Ende aufgeht, dass er sein ganzes Leben über seinen Schatten springen wollte, ein ganzes Leben eigentlich in Lüge geführt. Und John Gabriel Borkmans Lebensziel? Seine Idee ״ein Riesenbergwerk anzulegen, um die