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Jeschurun · 1928-03-01 · Heft 3-4 (März 1928) · p. Seite 122

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
15 (1928)
Issue
Heft 3-4 (März 1928)
Date
1928-03-01
Page
Seite 122 (sequence 2)
Language
German
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122 Ibsen religiösen Persönlichkeit, der Gott gegeben hat zu sagen, was der Menschheit frommt. Nicht als ob Ibsen Neues gebracht. Lange vor ihm hatten die Kräfte gewirkt, die das Morsche zernagten und dem Abgestorbenen das Grab schaufelten. Und was er an grossen sittliehen Wahrheiten ausgesprochen, es ist uns und damit der Menschheit vor Jahrtausenden offenbart durch den Mund unserer Propheten. Aber banal empfand man die Worte der Ewigkeit, wie es so oft das Schicksal des Edelsten ist, das eine Welt mit seiner Erhabenheit einmal ergriff und fortriss. Durch Ibsens Kunst der Darstellung war aber die Schaubühne wieder in Wahrheit zu einer moralischen Anstalt geworden, die erbarmungslos die ganze Kluft aufgedeckt zwischen Ideal und Wirklichkeit, zwischen Lehre und Leben, zwischen Forderung und Erfüllung. Und alle ״theologischen“ und ״metaphysischen“ Probleme, die man in einem Zeitalter des Sieges der Technik und der Natur- Wissenschaften so gern bei Seite schob, die aber wahrlich nicht Fragen der Gelehrten sind, sondern sich mühen um den eigentliehen Sinn des Menschenseins und seiner letzten Ziele und Zwecke waren von Ibsen der gesamten Kulturwelt, der Masse wieder nahegebracht. Nur in diesem Sinne — sagen wir es gerade heraus als den grossen Mussarredner, die Zuchtrute seiner Mitwelt haben wir hier Ibsen zu werten. Wem nur gilt: ״die Kunst für die Kunst“, ״die Wissenschaft für die Wissenschaft“ und ob dort das Ruchlose gehegt und hier das Ethische ausgeschaltet, dem haben wir nichts zu sagen 1). 1) Wir bekennen nn8 auch zu dem Mut, des grossen Georg Brandes ״Ibsenbuch״ eben wegen dieser rein ästhetischen Einstellung als durchaus schwach za bezeichnen. In einem kleinen Aufsatz Maximilian Hardens (z. B. die Zukunft B. 66 S. 306 ff.) ist tieferes und reicheres gesagt als in diesem umfangreichen Buche. S, 69 heisst es bei Brandes: ״Der Dichter hat eine andere Bestimmung als Moralist zu sein.“ (!!) Was freilich B. unter einem Moralisten versteht? ״Ein Moralist ist ein Mann, der Mässigkeitsvereine gegen das Brandtweintrinken gründet und der glaubt einen Sieg errungen zu haben, wenn es ihm gelangen ist, diesen speziellen Hang, den er wie einen Feind verfolgt, auszurotten.

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