Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 118 (sequence 118)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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118 Büch erbesprechungcn Aber — wir als Juden haben Klage zu fuhren über das, was uns ebenso wie alle Leser dieses Werkes angeht. Wenn Howald nach der Anlage seiner Arbeit das Sozial-Ethische nur als ״Torstufen und Ausgangsebenen0 zu Worte kommen lässt, so wäre in dem Kapitel, das er ״ Prähistoriew nennt, Voranlassung genug gewesen, das Buch der Bücher in Erwähnung zu bringen, zumal er die Grossartigkeit der ü b e r individuellen Ethik, der dieses Kapitel gewidmet ist, als nicht auf die griechische Welt beschränkt bezeichnet. Lauter aber muss die Klage ertönen, wenn wir Dempf recht ausführlich vcn der frühudü spätchristlichen Ethik berichten hören als von einem *untrennbaren Ineinander von Seelenform, Weltordnung und Gotteslehre“, wenn wir hören, dass es sich für ihn fast ausschliesslich um Darstellung religiöser Ethik handelt und Evangelien, kirchliche Theoreme, alles, alles an unserem Auge vorüberzieht — nur nicht das תנ״ך, nicht im Allgemeinen, nicht im Einzelnen, nirgends. Etwa weil es nicht ״in diese Zeit fällt“? 0 doch! Abgesehen davon, dass das Quellenmässige für die christliche Ethik so bedeutsam ist, spielt die Behandlung alttestamentlicher Sentenzen and G estalten eine eminente' Rolle, von der Zeit der Evangelien bis auf Erasmus und Luther.*) Und da Howald ,,soziale11 Ethik unbehandelt lässt, so geschieht das Wunder: ein Handbuch der Ethik erscheint ohne die geringste Würdigung des Alten Testamentes! Dies ist ein Versehen der Anlage, ein — sagen wir entschuldigend: unbewusstes — Vergehen der Autoren! Man denkt an die Mahnung Mosis: כי היא חכמתכם ובינתכם לעיני העמים. Soviel Jahrhunderte des Missverstehens, des Hasses, 1n denen man entweder die Ethik des Judentums total negierte oder — allerdings weit seltener — neidisch ihren praktischen Wert sich gestehen musste. Heute bei Streben nach wissenschaftlicher Erkenntnis, nach dem Wegräumen aller Hindernisse, nach Moritz Lazarus — blicken die עיני העמים^ überhaupt nicht darauf! Das ist im Grunde nicht die Schuld des Verlages, der Autoren — das ist die Schuld unseres hei aller Wahrheitssucherei, wenn nicht christlich, so doch christologisch orientierten Europa! Jenes Wort ist aber in erster Linie eine Mahnung — für uns! Das Wesen der תורה, die praktische Zielsetzung, ist Ethik. Sie sei wohlgemerkt — unsere W eisheit, unsere Einsicht: Philosophie! Wenn Howald den — quellenmässig (s. S. 13) vielleicht nicht völlig überzeugenden (s. auch Ueberweg-Prächter, Grundriss der Geschichte der Philosophie 11. Aufl. Band I S. öl) — Beweis führt, dass der Ursprung der jonischen Naturphilosophie einen der vielen Lösungsversuche der seelischen, jener triebethischen Disharmonie dar- 8teilt, ferner, dass dieser Schritt vom Symbol zur Wirklichkeit, wie ihn diese Philosophie vollzieht, den Schritt zur Wahrheit (losgelöst vom Glauben) ala alleiniger Instanz darstellt, so knüpft er hieran die Bemerkung, dass diese» Denk-Ereignis massgebend für den ״europäischen Wahrheitsfanatismus“ wurde* der seinen Ausdruck in der entseelten Fortsetzerin der Symbolphilosophie, der europäischen Wissenschaft finde. Ein lehrreicher Hinweis — dass sich also Ethik als eine Rettung vor dem Glauben in das ״wahrheifcsfanatische“ Erkennen darbietet — vom Handeln aber nicht gesprochen wird. Wie sehr ergänzt Litt diese Bemerkung, wenn er für die Neuzeit meint, das» die zentrale Aufgabe für die ethische Denkbewegung nach dem Auseinanderfallen der mittelalterlichen Lebenseinheit die Selbstbesinnung gewesen sei, dass ferner die ethische und religiöse Erlebnissphäre in ihrem Verhältnis zu- *)Da das Philosophische des Alten Testamentes rein ethischer Natur ist und andererseits für das Abendland eine überaus wichtige, selbständige Bedeutung hat, so kann man unmöglich als Entschuldigung auf die evtl. Behandlung des Themas im geplanten allgemein philosophischen Teil des Werkes ״Orient und Okzident“ verweisen.