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Jeschurun · 1928-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1928) · p. Seite 88

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
15 (1928)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1928)
Date
1928-01-01
Page
Seite 88 (sequence 88)
Language
German
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88 Der Gottesdienst usw. bringen. Wir deutschen Juden würden gewiss nicht minder von der Urwüchsigkeit des ostjüdischen Gebetes lernen als die Neuankömmlinge von der Würde und Zucht unsrer Synagogen. Vielleicht würden wir erkennen, dass manches Polizeireglement in der Verwaltung unsrer Gotteshäuser uns nicht zur Ehre gereicht. Ich erinnere mich einmal auf einer Wanderung mit meinen Schülern vor einer Kirche gestanden zu haben. Da fragte einer: woran erkennt man, dass dies eine katholische Gottesstätte ist? Ein Raten begann. Aus dem Baustil und anderen Merkmalen wollte jeder es schliessen. Schliesslich erhielten wir die Lösung. Das könnt ihr daran sehen, dass dieses Haus — im Gegensatz zu den Synagogen — den ganzen Tag geöffnet ist. Ist es nicht eine Entehrung für uns, dass keine jüdische Gemeinde mehr als eine עיר, als Stadtgemeinde gelten kann, weil in keiner mehr die zehn Batlonim der Synagoge, die dort den ganzen Tag verweilen, anzutreffen sind, dass über all unserer Synagogen der Zorn Gottes lagert, weil, wenn Gott in Sein Haus kommt und findet keine zehn vor, Er sogleich zürnt? (Berachot 6b) Dass wir es nicht wagen, unsere Synagogen offen zu halten, damit jeder, der sein Herz vor Gott ausschütten will, es mag, wann immer er es will? Ja, dass wer den Moment des Gemeindegebetes versäumt hat, entgegen der ausdrücklichen Bestimmung (Or. Chaj. 90,9) nicht seine Tefilla in der Synagoge sprechen, ja nicht einmal sein dort begonnenes Gebet vollenden kann, weil flucthartig alle das Gotteshaus verlassen und unnachsichtlich die Tore gesperrt werden? Hat es aufgehört, ein Ideal zu sein: ״geöffnet sind deine Tore allzeit, bei Tag und bei Nacht werden sie sich nicht schliessen?״ Nicht einmal die Klausen, die Lehrhäuser unterscheiden sich hierin von den Synagogen; ihre Hallen stehen leer, ihre heiligen Bücher unbenutzt, selbst unsere Greise und Unbeschäftigten kommen nie auf den Gedanken, eine Stunde ihrer Müsse im Gotteshause zu verweilen, um die Psalmen zu lesen, oder eine Mischnah zu lernen. Und sollten die hochlöblichen Verwaltungen unsrer Gemeinden achselzuckend befinden, dass es ein Wagnis sei, das Gotteshaus unbeschützt zu lassen, wäre es ein so schwe-

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